»Phantomstreik« die Länderbeschäftigten wollen Ende des Monats ein Ende finden. Ohne aber eine Niederlage eingestehen zu müssen
Am Dienstag nach Ostern hatte Hamburgs ver.di-Streikleiterin Sieglinde Friess deutlich weniger zu tun als sonst in diesem nun »längsten Arbeitskampf im öffentlichen Dienst seit 80 Jahren«. Der DGB hatte zur »Demo der Solidarität« mit den Landesbediensteten aufgerufen, der sich die Streikenden dann einfach anschlossen. So zogen bei strömendem Regen fast 2000 Demonstranten durch die Innenstadt. Vorneweg die 600 Streikenden, dann größere Gruppen aus der IG BCE, von ver.di, Transnet und der GEW, gefolgt von einem starken Block der Wahlalternative (WASG), die damit ebenfalls den Streikenden Mut machen und zeigen wollten, dass sie nicht alleine sind.
Solchen Mut gewinnen die Streikenden sonst vor allem in den Streikversammlungen, die meist schon morgens ab acht im Gewerkschaftshaus stattfinden. Hier liegen nicht nur die Streiklisten aus, in die man sich eintragen muss, um das Streikgeld zu erhalten. Auch Aktionen werden hier geplant, die dann vor einzelnen Behörden stattfinden. Mut schafft auch das Begrüßungsritual, bei dem Siggi Friess gleich zu Beginn die Ämter aufruft, in denen noch immer oder schon wieder gestreikt wird. Auch das soll sagen: Ihr seid nicht allein in diesem Arbeitskampf, der an Leib und Nerven zerrt, wenn es hinausgeht auf die Straße, bislang nicht selten begleitet von Dauerregen oder eisiger Kälte.
So scheint das Hamburger Streikaktiv, rund 500 bis 1000 Gewerkschafter, auch in der zehnten Woche noch sehr entschlossen. Doch könnte gerade dies jetzt auch zum Problem werden, wenn die Gewerkschaftsspitze bis Monatsende mit der Tarifgemeinschaft der Länder (TdL) einen Kompromiss aushandeln will. Die Basis dafür scheint brüchig: Viele der rund 8000 Gewerkschaftsmitglieder unter den insgesamt 35 000 Landesbediensteten im Hamburger Stadtstaat haben sich eben nicht beteiligt. Größere Schlagkraft hatte die Gewerkschaft bei den Kommunalbeschäftigten, doch für diese liegen Abschlüsse ja schon vor, während die Landesbediensteten nun manchmal wie abgehängt wirken. Wie kann so aber noch ein tragfähiges Ergebnis erreicht werden?
Kommunalabschlüsse schon wieder gefährdet
Einen Abschluss, wie er für die Kommunalbeschäftigten in Hamburg und Niedersachsen ausgehandelt wurde die Arbeitszeit hängt nun auch davon ab, ob man Kinder hat und wie alt man ist, ob man gut oder eher schlecht verdient lehnen die streikenden Landesbediensteten jedenfalls ab. Doch festzustehen scheint ebenso, dass auch der Abschluss für die Kommunen in Baden-Württemberg, wo nun die 39-Stunden-Woche gilt, nur schwer zu übertragen ist, denn dagegen steht ein harter Widerstand unionsgeführter Landesregierungen. Erst diese Woche hatte TdL-Verhandlungsführer Hartmut Möllring (CDU) seine Marschrichtung erneut klar festgelegt, als er sagte, dass es für ihn um eine 40-Stunden-Woche geht, während man auf die Vorschläge der Gewerkschaft nicht eingehen müsse.
Doch auch Möllring müsste wissen, dass für ver.di ein Abschluss oberhalb der 39 Stunden nicht mehr möglich ist, weil dann die Meistbegünstigungsklausel aus dem Tarifvertrag öffentliche Dienste (TVöD) greifen würde, wonach auch die Kommunen und der Bund einen solchen für sie günstigeren Abschluss einfach übernehmen könnten. Zwei Szenarien bleiben noch übrig: Zunächst wird ver.di-Chef Frank Bsirske versuchen müssen, doch noch eine »Gestaltungsmehrheit« in der TdL zu erreichen. Wofür er zum Beispiel hoffnungsvoll registrierte, dass sich Hamburgs CDU-Bürgermeister Ole von Beust bisher gar nicht ablehnend zum Arbeitskampf geäußert habe. Doch wäre Bsirske damit wirklich erfolgreich, könnten sich nach Berlin und Hessen weitere Bundesländer, wie etwa Bayern oder Baden-Württemberg, aus dieser Tarifgemeinschaft verabschieden. Der ohnehin schon sehr löchrige TVöD würde dann weiter ausfransen und das Ziel, eine möglichst gemeinsame Entgelt- und Arbeitszeitregelung für alle Landesbediensteten durchzusetzen, noch weiter in die Ferne rücken.
Doch auch das zweite Modell, das in der Gewerkschaft derzeit diskutiert wird, birgt erhebliche Risiken: Dort denkt man inzwischen darüber nach, die gegenwärtigen Streiks im Sinne eines »geordneten Rückzugs« auch erst mal wieder einzustellen, um sie dann leicht köchelnd bis zur Lohnrunde 2007 zu tragen. Dann könne der Kampf um die Arbeitszeit neu entfacht werden. Doch damit würde sich der tariflose Zustand noch um Monate verlängern. Eine Zeit, die die Arbeitgeber dazu nutzen könnten, weitere Fakten zu schaffen.
Doch so konkret wird diese Frage an der Basis der Hamburger Streikversammlung noch gar nicht diskutiert. Hier geht es in diesen Tagen eher darum, wie man den laufenden Streik »noch konsequenter« führen könnte. Anlass bot ein Streikbruch in der Nacht vom Mittwoch auf den Donnerstag. Diesen hatte die Stadtentwicklungsbehörde veranlasst, um eine bestreikte Kanalschleuse öffnen zu lassen, vor der verschiedene Schuten festlagen. Doch als der Plan am Mittwoch bekannt wurde, schickte die Streikversammlung gleich 120 Aktive los, die den streikenden Schleusenwärtern zur Hilfe kommen sollten. Bis 23 Uhr harrte man dort aus, bevor ver.di-Landeschef Wolfgang Rose alle wieder nach Hause schickte, weil man nicht wisse, was wann und wie genau passiere. Doch schon kurz darauf, mit einsetzender Tide, ging die Schleuse wieder auf.
Es sind solche Verkehrsknotenpunkte, wo der Streik auch in Hamburg einen starken Druck entfalten könnte. Doch die Gewerkschaft weiß ebenso, dass Blockadeaktionen, die über das rein Symbolische hinausgehen, sofort den Streit um den Streik eskalieren würden. Eine Woche zuvor zeigte sich das bei einer eher harmlosen Aktion vor dem Bezirksamt in Altona. Dort wollten Streikende zumindest kurzfristig tatsächlich und nicht nur symbolisch blockieren. Auch der Verwaltungsangestellte Rainer Jansen*), selbst in Altona beschäftigt, war bei dieser Aktion dabei und ärgert sich noch heute, wie etliche Arbeitswillige »selbst durch die Fenster krabbelten«, um an ihren Arbeitsplatz zu gelangen. Harte Vorwürfe musste sich der Personalrat später wegen dieser Aktion anhören aus der eigenen Belegschaft.
Sorge vor der Zeit nach dem Streik
So bleiben in Hamburg diejenigen, die nicht durch die Fenster krabbeln wollen, bei ganz normalen Streikaktionen. Diese führen zwar zu Verzögerungen, etwa in der Kfz-Zulassungsstelle oder bei den für Grünflächen zuständigen Bauhöfen, doch sitzt das Personalamt die Situation einfach aus. Böse Zungen sprechen bereits von einem »Phantomstreik«, den man eigentlich gar nicht bemerkt.
Doch das hält Tilo Bade*) aus dem Bezirksamt Harburg für falsch. Bade ist stolz darauf, jeden Tag mit 30 bis 60 Kollegen am Arbeitskampf teilzunehmen. Doch gefragt, wo denn die anderen 300 Gewerkschaftskollegen alleine aus seinem Amt bleiben, wird auch Bade richtig sauer. Er befürchtet auch Ärger in der Zeit nach dem Arbeitskampf, wenn sich Streikende und Arbeitswillige wieder in ihren Behörden gegenüberstehen.
Das könnte auch für Werner Müller*), Verwaltungsangestellter aus Bergedorf, ein Problem werden. Seit nunmehr fast sieben Wochen hat der Mann nun schon keinen Kontakt mehr zu den Kollegen in der eigenen Abteilung. Sozialpädagoge Oliver Kain*) aus dem Hamburger Bezirk Mitte nimmt hingegen an, dass auch unter den nicht am Streik Teilnehmenden eine große Sympathie für den Arbeitskampf bestehe. Doch arbeiten würde auch Kain gern mal wieder, weil viel liegen geblieben ist und ihm seine Arbeit Spaß macht. Doch zuvor müsse der Streik erst gewonnen werden und endlich ein Abschluss auf dem Tisch liegen, sagt er, weil sonst ja alles umsonst gewesen wäre.
Das sehen Stefanie Kreuz*), Sozialpädagogin aus der Sozialbehörde und Gabriele Meinecke*) aus dem Amt für Geoinformation nicht so. Sie haben einen »politischen Streik« erlebt, in dem es darum gehe, Arbeitgeberwillkür auch für die Zukunft auszuschalten. Schon jetzt habe der Streik auch die Arbeit der eigenen Gewerkschaftsgruppen politisiert, weshalb Meinecke statt von einem Abwehrkampf auch lieber vom »Stellungskrieg« reden möchte, an den 2007 in der Lohnrunde wieder anzuknüpfen wäre. Ähnlich sieht es auch Kreuz, die dann aber doch hinzufügt, dass es wohl besser gewesen wäre, auch in den Verwaltungen vor dem Streik Urabstimmungen durchzuführen. Die Basis wäre so breiter gewesen.
*)Namen redaktionell geändert
http://www.nd-online.de/artikel.asp?AID=89101&dc=2&db=Archiv