Gewerkschaft befürchtet Abbau von bundesweit 15 000 Stellen
Mit Aktionen in München und Hamburg haben Beschäftigte der Allianz vergangene Woche gegen den Abbau tausender Arbeitsplätze protestiert. Doch der Versicherungsbranche droht ein noch dramatischerer Stellenabbau, als bisher angenommen.
In der Versicherungsbranche bangen Tausende um ihren Job. Weitere 15 000 von insgesamt 240 000 Stellen könnten demnächst verloren gehen, warnte die Gewerkschaft ver.di am Freitag in Hamburg. Laut Landesvizechef Uwe Grund sind allein in der Hansestadt 2000 weitere Arbeitsplätze akut bedroht. Der Vorstandschef der Volksfürsorgemutter AMB Generali, Walter Thießen, prognostizierte für die Branche vor einigen Tagen sogar einen Abbau von bundesweit bis zu 60 000 Jobs.
Den Auftakt zur »Streichungsarie« machten Mitte vergangener Woche die Manager des Talanx-Versicherungskonzerns, die nach der Übernahme ihres Konkurrenten Gerling ankündigten, den Bereich Lebensversicherung auf Köln und den für Sachversicherungen auf Hannover zu konzentrieren. Das kostet in Hamburg 420 Mitarbeitern der Aspecta-Lebensversicherung ihren Arbeitsplatz, gleiches gilt für 450 Sacherversicherer-Angestellte in Wiesbaden. Bundesweit will der Konzern 1500 Stellen abbauen. Und inzwischen hat Talanx angekündigt, weitere Versicherungsgesellschaften aufzukaufen.
1800 Arbeitsplätze stehen nach Angaben von ver.di bei der Ergo-Versicherungsgruppe akut auf dem Spiel, davon 400 in Hamburg, wo die Hamburg-Mannheimer geschlossen werden soll. Auch der Zürich-Versicherungskonzern steht dem nicht nach und will in Deutschland rund 1000 Arbeitsplätze abbauen. In der Hansestadt Hamburg wird der Standort geschlossen. Das kostet 100 Jobs. Nach Stellenabbau riecht es zudem beim Gesamtverband der Versicherer, der das Büro der »Grünen Karte« ebenfalls in Hamburg mit seinen 70 Mitarbeiter schließt. Auch bei der Basler Securitas sollen durch die Umstrukturierung des Unternehmens Arbeitsplätze wegfallen. Und bei AMB Generali befürchten die Betriebsräte sogar den Verlust von 1500 Stellen bis 2008. Noch nicht bezifferbar ist der Arbeitsplatzverlust, der bei der AXA-Versicherung ansteht, die kürzlich die DBV Winterthur übernommen hatte. Doch ver.di-Fach- bereichsleiter Bertold Bose warnt: AXA habe bisher übernommene Unternehmen immer komplett integriert, also aufgelöst. Das beträfe dann allein an Elbe und Alster rund 290 Arbeitnehmer.
Noch sind in der Hansestadt rund 24 000 Beschäftigte in der Branche tätig. Doch hier ging in zehn Jahren schon jede fünfte Stelle verloren. Wegen der anstehenden Job-Verluste spricht ver.di von einer »bedrohlichen Situation«, weil auf Entscheidungen international tätiger Versicherungskonzerne weder gewerkschaftlich noch politisch Einfluss genommen werden könne. Für Konzernspitzen, häufig mit Sitz in Frankreich, Italien und der Schweiz, gehe es nur um Höchstprofite.
Tatsächlich können Versicherungskonzerne seit Jahren ihr Wachstum angesichts beschränkter Märkte nur durch den Aufkauf von Mitkonkurenten realisieren. Die werden aufgelöst oder zerschlagen und die Dienstleistungen integriert. Folge: Stellenabbau.
Gewerkschaftsmann Uwe Grund will nun mit den Unternehmen über die Bildung von Tranfergesellschaften sprechen. Abfindungen würden nichts nutzen, wenn die Betroffenen anschließend arbeitslos blieben. Doch auch das Durchlaufen einer Qualifizierungs- und Transfergesellschaft bietet nur geringe Chancen auf einen neuen Arbeitsplatz. Die Versicherungen stellen (außer im Außendienst) schon seit Jahren niemanden mehr ein. Und auch im benachbarten Bankgewerbe ist ein massiver Stellenabbau zu erwarten.
http://www.nd-online.de/artikel.asp?AID=94138&IDC=3
