Niederländische Politiker in Furcht vor Unruhen Jugendlicher
Niederländische Politiker befürchten »französische Verhältnisse« in ihren Großstädten. Um Krawalle zu vermeiden, haben christdemokratische, sozialdemokratische und rechtsliberale Abgeordnete angekündigt, »Drill Camps« für arbeitslose und auffällig gewordene Jugendliche einzurichten.
»Anständigkeit und Verantwortungsbewusstsein« müsse den Jugendlichen in den »Drill Camps« beigebracht werden, erläuterte Hans de Boer, Chef der staatlichen »Task-Force« zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit. Auch Ministerpräsident Jan Peter Balkenende (Christdemokratischer Appell – CDA), hat Unterstützung signalisiert und sein Parteikollege, der Parlamentsabgeordnete Eddy van Hijum, sagte der »Volkskrant«, dass eine Ausweitung des Programms auch auf Schulschwänzer wünschenswert sei.
Ausgelöst wurde die Debatte durch Vorfälle in Amsterdam, wo sich marokkanische Jugendliche im Stadtteil Slotervaart erst kürzlich eine regelrechte Straßenschlacht mit der Polizei lieferten. Sie hatten nach dem Tod eines 17-Jährigen, der sich zuvor mit dem Motorrad eine Verfolgungsjagd mit der Polizei geliefert hatte und dabei am 11. Januar ums Leben gekommen war, eine Polizeidienststelle angegriffen. Mehrere Autos wurden demoliert. Daraufhin alarmierte Amsterdams Bürgermeister, der Sozialdemokrat Job Cohen, auf einer Konferenz mit 14 Stadtteilräten die Öffentlichkeit. Die Gewalt in den Problemvierteln der niederländischen Metropole nehme ständig und bedrohlich zu, sagte der Bürgermeister, der dann spektakulär daran erinnerte, dass ein ähnlicher Vorfall wie der in Slotervaart die wochenlangen Unruhen in französischen Großstädten ausgelöst hatte.
Ein besonderes Problem für Jugendliche mit ausländischer Herkunft ist die hohe Jugendarbeitslosigkeit. Trotz Arbeitspflicht haben 40 Prozent von ihnen keinen Job, von Ausbildungsplätzen ganz zu schweigen. Perspektivlosigkeit ist für viele programmiert, denn auch Schulabschlüsse sind kaum vorhanden. Ohne Einnahmen ist das Leben in den Vorstädten noch trister. Die Gewalt nimmt vor allem untereinander deutlich zu, aber auch gegen alles, was als fremd oder feindlich empfunden wird.
»Disziplinlosigkeit« nennt dies de Boer, der von 40 000 »hochproblematischen Jugendlichen« allein in den niederländischen Metropolen spricht. 4000 von ihnen sollen nun jedes Jahr in ein Umerziehungslager. Fern ab der Großstädte, untergebracht in ehemaligen Kasernen und unter militärischer Leitung. Kontakt hat de Boer zur Armee, aber auch zur staatlichen Jugenderziehungsanstalt in Den Engh bereits aufgenommen.
In Den Engh sind schon jetzt 200 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 12 und 18 Jahren, denen Straftaten zur Last gelegt werden, untergebracht. Konfrontationspädagogik, Drill, Gehorsam und Unterordnung sind dort angesagt. Das Heim erinnert an die umstrittenen Glenn-Mills-Camps in den USA und ist gesichert wie ein Gefängnis. Sie sollen »aus dem Nest herauskommen und sich die Schuhe putzen«, beschreibt Boer das pädagogische Programm.
Eher einsam ist hingegen die Kritik, die von Pädagogikprofessor Micha de Winter (Universität Utrecht) ausgeht. Im »Algemeen Dagblad« verwies Winter auf Forschungsergebnisse, die längst widerlegt hätten, dass durch »hartes Anpacken« Kriminalität und Vandalismus zu bekämpfen sind. Gehorsam sei zudem nicht mit verantwortungsvollem Handeln zu verwechseln. Dazu müssten Jugendliche aber erzogen werden, sagte Winter, der eine »pädagogische Offensive« forderte, die Familien, Schulen und alle staatlichen Institutionen einbezieht. Die Jugendlichen müssten fühlen, dass sie nicht abgelehnt, sondern in der Gesellschaft willkommen sind, was sich durch Arbeit und bessere Schulausbildung realisieren lasse.
http://www.nd-online.de/artikel.asp?AID=84874&IDC=2&db=Archiv
