Streit zwischen Marburger Bund und ver.di geht zu Lasten vieler Beschäftigter
Um Gehaltserhöhungen für die etwa 70000 Mediziner an den kommunalen Kliniken durchzusetzen, führt die Ärztegewerkschaft Marburger Bund ( MB ) ihre Streikaktionen fort. Am Montag waren laut MB erneut 15800 Mediziner an 140 Krankenhäusern im Ausstand, dessen vorläufiger Höhepunkt eine Großdemonstration am Mittwoch in München sein wird. Die Demonstranten wollen vor das Büro des Präsidenten der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA), Thomas Böhle, und das des Städtetagspräsidenten und Oberbürgermeisters Christian Ude ziehen.
Er sei erschrocken, wie bei ver.di, Beamtenbund und VKA gelogen werde, hatte MB-Vorsitzender Frank Ulrich Montgomery den Tarifabschluß zwischen der Dienstleistungsgewerkschaft und den Kommunen vom Dienstag voriger Woche gebrandmarkt. Der MB hatte seine Verhandlungen mit der VKA vor zwei Wochen abgebrochen. Daraufhin handelte diese in kürzester Zeit einen Abschluß mit den konkurrierenden Interessenvertretungen aus. Durchschnittlich zehn Prozent Gehaltserhöhung seien darin für das betroffene ärztliche Personal vereinbart, hieß es.
Tatsächlich, monierte Montgomery, seien Gehaltsminderungen um bis zu zwölf Prozent herausgekommen. Der MB-Chef wirft ver.di auch vor, durch »mafiöse Beziehungen« die Ärztegewerkschaft ausbooten zu wollen. Am Wochenende kündigte er die Gründung einer Gesundheitsgewerkschaft an, der sich auch das pflegerische und technische Klinikpersonal anschließen könne. Nur so könne die »Verdiktatur« gebrochen werden.
Die Empörung ist teilweise verständlich, denn ver.di und Beamtenbund verhandelten auf der Grundlage des »Tarifvertrags öffentlicher Dienst« (TVöD), der aber dem ärztlichen Personal nach MB-Angaben bereits Lohnminderungen von etwa 22 Prozent eingebracht hatte. »Nun geben sie uns die Hälfte zurück und nennen dies dann eine Gehaltserhöhung«, wetterte MB-Hauptgeschäftsführer Armin Ehl. Der Abschluß sei eine Provokation, weil gerade an dieser Tarifreform, also dem Wechsel vom alten Bundesangestelltentarifvertrag (BAT) zum TVöD, die kurze Tarifgemeinschaft mit ver.di, der eine jahrzehntelange mit der Deutschen Angestelltengewerkschaft DAG vorausgegangen war, endgültig zerbrach. Der MB wolle für die Mediziner mindestens ein Ergebnis wie das an den Unikliniken herausholen, so Ehl.
Seit sieben Wochen streiken dafür nun Tausende Ärzte ohne Zuschüsse aus Streikkassen, denn das könnte sich die kleine Ärztegewerkschaft nicht leisten. Noch nicht, denn die Mitgliederzahl steigt. Fast 50000 Neumitglieder konnte der MB allein in den letzten zwölf Monaten begrüßen. Damit gehören ihm 145000 Ärzte an. Nicht einmal 1000 der in den kommunalen Kliniken arbeitenden Mediziner sollen dagegen noch bei ver.di organisiert sein.
Der Marburger Bund versucht, für die Mediziner herauszuholen, was herauszuholen ist, manchmal auch mehr. Nach der Blockade der VKA setzt der Verband nun auf Separatvereinbarungen mit einzelnen Kliniken oder Klinikverbünden. So orientiert sich der Abschluß für die Stuttgarter Kliniken an dem der Unikrankenhäuser. In Hamburg, Ludwigsburg, Esslingen und Böblingen konnten sogar Gehälter durchgesetzt werden, die oberhalb derer des alten BAT liegen, Bereitschaftsdienste wurden als Arbeitszeit anerkannt.
Daß allerdings auch für den MB die Bäume nicht in den Himmel wachsen, zeigte der Abschluß für die Unikliniken. Von den ursprünglich geforderten 30 Prozent Gehaltserhöhung blieb am Ende vergleichsweise wenig übrig. Der Abschluß für die neuen Länder lag weit unter dem, was sich dort die Mitglieder erhofft hatten. Dennoch hält auch hier der Mitgliederzuwachs an. Nicht nur Mediziner, sondern immer mehr Beschäftigte haben den Eindruck, daß nur noch der MB offensiv kämpft: Die Ärztevertretung widerspricht dem Argument der Politiker, es gebe keine Verteilungsspielräume. Notfalls sollen Mehrkosten eben durch erhöhte Krankenversicherungsbeiträge finanziert werden.
Viele ver.di-Funktionäre dagegen erkennen den von der Politik vorgegebenen Rahmen schon an, bevor der zu verteilende Kuchen überhaupt gebacken ist. Mit Öffnungsklauseln durchsiebt, war der TVöD bevor um ihn auch nur einen Tag gestreikt wurde. Die Panik, mit der man bei ver.di auf Montgomerys Ankündigung reagiert, ist mithin begründet. Die Unzufriedenheit gerade unter den Krankenpflegern über die von der Gewerkschaft ausgehandelten Kompromisse ist schon jetzt groß. Der MB bemüht sich gleichzeitig schon seit längerem, auch hier neue Mitglieder zu gewinnen. Doch dafür müßte er von der bisher betriebenen ständischen Interessenvertretung nur für die Ärzte abrücken.
Derzeit läuft die Politik des MB auf eine Zersplitterung der Kräfte im Gesundheitswesen hinaus, frohlockte am Montag Horst-Udo Niedenhoff vom Institut der deutschen Wirtschaft.
http://www.jungewelt.de/2006/08-08/020.php
Zu diesem Beitrag erschien am 9. August folgender Leserbrief:
Gewerkschaftsfunktionärswesen
Leserbrief zu dem Artikel Hahnenkämpfe vom 08.08.2006:
Zwischen ver.di und MB gibt es weder im wörtlich-darwinschen noch im übertragen-halbstarken Sinne Hahnenkämpfe sondern normal-kapitalistischen Konkurrenzkampf. Und zwar nicht nur zwischen Gruppen von Lohnempfängern mit verschiedenen Einkommenshöhen und Privilegien, sondern natürlich auch zwischen den Akteuren selbst – und das sind nicht die Mitglieder, sondern die „Funktionäre“. Deren objektives Eigeninteresse ist von dem ihrer Mitglieder grundverschieden, denn ihr Einkommen und ihre Privilegien sind in den „Tarifkämpfen“ gar nicht streitgegenständlich. Etwas anderes von Gewerkschaften und ihren Funktionären zu erwarten, ist bestenfalls naiv.
Jörg Hartmann
http://www.jungewelt.de/aktuell/rubrik/leserbriefe.php?letterId=1483
1 Kommentar
Gewerkschaft befürchtet Abbau von bundesweit 15 000 Stellen
Mit Aktionen in München und Hamburg haben Beschäftigte der Allianz vergangene Woche gegen den Abbau tausender Arbeitsplätze protestiert. Doch der Versicherungsbranche droht ein noch dramatischerer Stellenabbau, als bisher angenommen.
In der Versicherungsbranche bangen Tausende um ihren Job. Weitere 15 000 von insgesamt 240 000 Stellen könnten demnächst verloren gehen, warnte die Gewerkschaft ver.di am Freitag in Hamburg. Laut Landesvizechef Uwe Grund sind allein in der Hansestadt 2000 weitere Arbeitsplätze akut bedroht. Der Vorstandschef der Volksfürsorgemutter AMB Generali, Walter Thießen, prognostizierte für die Branche vor einigen Tagen sogar einen Abbau von bundesweit bis zu 60 000 Jobs.
Den Auftakt zur »Streichungsarie« machten Mitte vergangener Woche die Manager des Talanx-Versicherungskonzerns, die nach der Übernahme ihres Konkurrenten Gerling ankündigten, den Bereich Lebensversicherung auf Köln und den für Sachversicherungen auf Hannover zu konzentrieren. Das kostet in Hamburg 420 Mitarbeitern der Aspecta-Lebensversicherung ihren Arbeitsplatz, gleiches gilt für 450 Sacherversicherer-Angestellte in Wiesbaden. Bundesweit will der Konzern 1500 Stellen abbauen. Und inzwischen hat Talanx angekündigt, weitere Versicherungsgesellschaften aufzukaufen.
1800 Arbeitsplätze stehen nach Angaben von ver.di bei der Ergo-Versicherungsgruppe akut auf dem Spiel, davon 400 in Hamburg, wo die Hamburg-Mannheimer geschlossen werden soll. Auch der Zürich-Versicherungskonzern steht dem nicht nach und will in Deutschland rund 1000 Arbeitsplätze abbauen. In der Hansestadt Hamburg wird der Standort geschlossen. Das kostet 100 Jobs. Nach Stellenabbau riecht es zudem beim Gesamtverband der Versicherer, der das Büro der »Grünen Karte« ebenfalls in Hamburg mit seinen 70 Mitarbeiter schließt. Auch bei der Basler Securitas sollen durch die Umstrukturierung des Unternehmens Arbeitsplätze wegfallen. Und bei AMB Generali befürchten die Betriebsräte sogar den Verlust von 1500 Stellen bis 2008. Noch nicht bezifferbar ist der Arbeitsplatzverlust, der bei der AXA-Versicherung ansteht, die kürzlich die DBV Winterthur übernommen hatte. Doch ver.di-Fach- bereichsleiter Bertold Bose warnt: AXA habe bisher übernommene Unternehmen immer komplett integriert, also aufgelöst. Das beträfe dann allein an Elbe und Alster rund 290 Arbeitnehmer.
Noch sind in der Hansestadt rund 24 000 Beschäftigte in der Branche tätig. Doch hier ging in zehn Jahren schon jede fünfte Stelle verloren. Wegen der anstehenden Job-Verluste spricht ver.di von einer »bedrohlichen Situation«, weil auf Entscheidungen international tätiger Versicherungskonzerne weder gewerkschaftlich noch politisch Einfluss genommen werden könne. Für Konzernspitzen, häufig mit Sitz in Frankreich, Italien und der Schweiz, gehe es nur um Höchstprofite.
Tatsächlich können Versicherungskonzerne seit Jahren ihr Wachstum angesichts beschränkter Märkte nur durch den Aufkauf von Mitkonkurenten realisieren. Die werden aufgelöst oder zerschlagen und die Dienstleistungen integriert. Folge: Stellenabbau.
Gewerkschaftsmann Uwe Grund will nun mit den Unternehmen über die Bildung von Tranfergesellschaften sprechen. Abfindungen würden nichts nutzen, wenn die Betroffenen anschließend arbeitslos blieben. Doch auch das Durchlaufen einer Qualifizierungs- und Transfergesellschaft bietet nur geringe Chancen auf einen neuen Arbeitsplatz. Die Versicherungen stellen (außer im Außendienst) schon seit Jahren niemanden mehr ein. Und auch im benachbarten Bankgewerbe ist ein massiver Stellenabbau zu erwarten.
http://www.nd-online.de/artikel.asp?AID=94138&IDC=3
Ver.di erwartet, daß die Versicherungskonzerne trotz Milliardengewinnen in ganz Deutschland weitere 15000 Stellen streichen
Erst kürzlich hatte der Versicherungskonzern Allianz massive Stellenstreichungen angekündigt jetzt warnt die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di vor weiteren Massenentlassungen. Allein in Hamburg seien 2000 Arbeitsplätze in dieser Branche akut gefährdet, erklärte am Wochenende der stellvertretende ver.di-Vorsitzende der Hansestadt, Uwe Grund. In ganz Deutschland drohe der Verlust von 15 000 Stellen.
Die Talanx-Versicherung hatte vergangene Woche in Hamburg angekündigt, nach der Übernahme von Gerling werde nun die Aspecta-Lebensversicherung mit 420 Mitarbeitern geschlossen. Stellenabbau ist nach Angaben von ver.di auch bei AMB Generali (Volksfürsorge), im Zürich-Versicherungskonzern, beim Gesamtverband der Versicherer, bei der Basler Securitas, in der Ergo-Gruppe und im AXA-Versicherungskonzern geplant.
Grund sprach von einer »bedrohlichen Lage« für die rund 24000 Beschäftigten im Hamburger Versicherungsmarkt. Die Personalentscheidungen in den international tätigen Konzernen könnten allerdings weder politisch noch gewerkschaftlich beeinflußt werden. Diese Konzerne erwirtschafteten jetzt schon Milliardengewinne, die ihnen aber noch nicht ausreichten. Die »soziale Marktwirtschaft« sei ihnen egal.
Seit Jahren schon gehört es zur Strategie dieser Konzerne, schwächere Gesellschaften aufzukaufen. Die werden dann zerschlagen, nachdem ihre Dienstleistungen in das Stammunternehmen integriert wurden. Die Gewerkschaften reagieren auf diese Manöver eher hilflos. Statt wirkungsvolle Arbeitskämpfe vorzubereiten, will ver.di nun in Hamburg mit den Versicherungsunternehmen über die Bildung von »Transfergesellschaften« diskutieren die eigentlichen Entscheidungsprozesse seien ja nicht zu beeinflussen, heißt es.
Die Erfahrung zeigt jedoch, daß Entlassene in der Regel auch nach einem Jahr Weiterqualifizierung in einer dieser Transfergesellschaften keinen neuen Job bekommen. Die Versicherungsfirmen stellen, außer im Außendienst, schon seit Jahren niemanden mehr ein. Und auch im »benachbarten« Bankengewerbe sind eher Entlassungen statt Neueinstellungen angesagt.
http://www.jungewelt.de/2006/07-24/037.php
Bremer Initiative sagt Parteienfilz den Kampf an
Mit einer ersten Unterschriftensammlung am Oberen Domshof ist am Dienstagmittag in Bremen ein Volksbegehren für ein besseres und demokratisches Wahlrecht gestartet. Nun müssen die Initiatoren innerhalb von drei Monaten 50000 Unterschriften sammeln, damit dann ein Volksentscheid über ihren Gesetzentwurf »Mehr Demokratie beim Wählen Mehr Einfluß für Bürgerinnen und Bürger« stattfinden kann. Doch die Hürde dafür ist hoch, denn 50000 Unterschriften entsprechen rund zehn Prozent aller Wahlbürger im Zweistädtestaat.
Trotzdem zeigten sich die Initiatoren optimistisch, das neue Wahlrecht so durchzusetzen, das die Regierungsparteien SPD und CDU zuvor in der Bürgerschaft abgelehnt hatten. Gelingt dies, hätte jeder Wähler bei den Bürgerschaftswahlen statt einer künftig gleich fünf Stimmen, die er dann entweder auf einzelne Kandidaten vereinen (kumulieren) oder auch auf verschiedene Kandidaten (auch unterschiedlicher Parteien) verteilen (panaschieren) könnte. Kandidaten mit hoher Stimmenzahl würden dann auf den Landeslisten ihrer Parteien nach oben rutschen, womit die Zeit, da »sichere Listenplätze« nur im Filz der Parteigremien ausgekungelt worden sind, nun endgültig vorbei wäre. Ebenfalls soll es künftig auch parteilosen Einzelkandidaten möglich sein, in die Bremer Kommunalparlamente einzuziehen, und für Bremerhaven will die Initiative die Fünf-Prozent-Hürde schleifen.
Am Dienstag mittag trugen sich gleich mehrere Bürgerschaftsabgeordnete der Oppositionsparteien Grüne und FDP als Erstunterzeichner in die Unterschriftenlisten der Volksinitiative ein. Auch Altbürgermeister Hans Koschnik sowie drei ehemalige Senatoren, die Schauspieler der Shakespeare Company und die Vorstände von Linkspartei, DGB und Arbeitsgemeinschaft selbständiger Unternehmer unterstützen die Initiative für ein neues Wahlrecht.
* Infos unter www.neues-wahlrecht.de
http://www.jungewelt.de/2006/07-19/018.php
Warnstreik von medizinischem und technischem Personal gegen Tarifflucht der Krankenhausmanager
Mit einem Streik des pflegerischen und technischen Personals in fast allen Hamburger Krankenhäusern erlebt die Hansestadt erneut einen heftigen Arbeitskampf. Wie Streikaktivisten und die Gewerkschaft ver.di unabhängig voneinander mitteilten, werden sich an den ganztägigen Aktionen am heutigen Mittwoch Tausende Beschäftigte aus allen Asklepios-Kliniken (vormals Landesbetrieb Krankenhäuser), vom Altonaer Kinderkrankenhaus, aus dem Universitätsklinikum Eppendorf, dem Westklinikum Rissen und vom Bethesda-Krankenhaus im Stadtteil Bergedorf beteiligen. Die Krankenpfleger und das technische Personal streiken gemeinsam gegen die Krankenhausarbeitgebervereinigung (KAH), die entgegen eigenen Zusagen eine Übernahme des Tarifvertrags öffentliche Dienste (TVöD) für Hamburg verhindern will. Statt dessen beharren die Krankenhausmanager auf einer erhöhten wöchentlichen Arbeitszeit von 41 Stunden und der Streichung von Weihnachts- und Urlaubsgeld. Selbst die Festlegungen zum Kündigungsschutz sollen ersatzlos gestrichen werden.
Doch weshalb Krankenhauspfleger an Alster und Elbe schlechter gestellt sein sollen als ihre Berufskollegen in den Uni- und Landeskliniken der anderen Bundesländer, sei nicht einzusehen, sagt ver.di-Tarifsekretärin Hilke Stein. Gerade die Hamburger hätten längst ihren Beitrag zur Kostensenkung im Gesundheitswesen erbracht.
Die Schwestern, Krankenpfleger und Techniker in der Hansestadt arbeiten derzeit ohne gültigen Tarifvertrag. Dieser muß auf lokaler Ebene ausgehandelt werden, weil die ehemaligen Landeskrankenhäuser längst privatisiert oder ausgegliedert worden sind und die neuen Betreiber schon Ende 2005 die Tarifgemeinschaft mit dem Land aufkündigten. Tausende beteiligten sich schon damals an einem Warnstreik. Zu einem längeren Arbeitskampf kam es nicht, denn ver.di-Landeschef Wolfgang Rose vereinbarte mit der KAH Ende Februar eine freiwillige Friedenspflicht, die eigentlich noch bis September gilt.
Dafür erhielt die Gewerkschaft im Gegenzug eine Beschäftigungssicherung für 2006, und die KAH erklärte, weitere Verhandlungen nur noch auf TVöD-Grundlage führen zu wollen.
Letzteres aber war nur ein Trick, wie sich jetzt herausstellt. Die Krankenhausmanager kamen durch den Deal um hohe Streikkosten herum. Die Verhandlungen um den TVöD wurden einfach in die Länge gezogen. Anfang Juni legte die KAH der örtlichen ver.di-Zentrale ein Verhandlungsangebot auf den Tisch, das weit unter dem liegt, was die Gewerkschaft zu diesem Zeitpunkt mit der Tarifgemeinschaft der Länder (TdL) schon vereinbart hatte. Doch die Streikfront ist in Hamburg deutlich geschwächt: Mehr als ein Warnstreik ist wegen der vereinbarten »Friedenspflicht« nicht drin, während der Marburger Bund ( MB ) auch für die Hamburger Ärzte Gehaltserhöhungen durchsetzen konnte.
Ver.di-Landeschef Rose spricht nun von einer »Spaltung der Belegschaften«. Darüber, daß er dazu mit seiner Verhandlungstaktik selbst viel beigetragen hat, schweigt er. Heute muß sich zunächst erweisen, welche Mobilisierungskraft die Gewerkschaft in Hamburg überhaupt noch hat. Die KAH erklärte am Dienstag, man denke darüber nach, wegen des heutigen Warnstreiks die Zusage zur Beschäftigungssicherung vom Februar 2006 zurückzunehmen.
***
Die zentrale Streikkundgebung findet am heutigen Mittwoch um 9 Uhr in der Martinistraße am Hamburger Universitätsklinikum statt. Gegen 10 Uhr Streikdemo in Richtung Innenstadt.
http://www.jungewelt.de/2006/06-28/053.php
Tarifeinigung noch diese Woche in Sicht. Ost-West-Abstand bei Gehältern wird noch größer
Nach 15 Wochen Streik an den Universitäts- und Landeskliniken scheint eine Einigung zwischen der Tarifgemeinschaft der Länder (TdL) und der Ärztegewerkschaft Marburger Bund [MB] in greifbare Nähe gerückt. Am Montag abend stimmte die Verhandlungskommission des MB einem TdL-Angebot grundsätzlich zu und sah nur noch Regelungsbedarf in Detailfragen. Zuvor hatten Ärztegewerkschaftschef Frank Ulrich Montgomery und TdL-Verhandlungsführer Hartmut Möllring (CDU) einen Tarifabschluß bereits in einem »Vieraugengespräch« am Wochenende vorbereitet.
Ein Abschluß solle möglichst noch diese Woche erreicht werden, sagte Ärztesprecher Athanasios Drougias gegenüber junge Welt, der einen Regelungsbedarf nur noch im Geltungsbereich der MB will auch Hygieniker, Laborärzte und Fachwissenschaftler einbeziehen und im Einstiegsgehalt für Berufsanfänger sieht. Für letztere fordert der MB monatlich 100 Euro mehr. Bis zum Abschluß der Verhandlungen soll der Arbeitskampf fortgesetzt werden, an dem sich am Dienstag nach Angaben von Drougias erneut 12 500 Ärzte von 41 Universitäts- und Landeskliniken beteiligten. Am Freitag treffen MB und TdL in Berlin zur nächsten und möglicherweise vorerst letzten Verhandlungsrunde zusammen.
Mit dem bevorstehenden Abschluß hat sich der MB weitgehend durchgesetzt, dessen Hauptforderung stets im eigenständigen Ärztetarifvertrag bestand, während man den Abschluß zwischen der TdL und der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di nicht übernehmen wollte. Blamiert ist jetzt nicht nur Möllring, sondern auch die Gewerkschaft ver.di, wo man einen eigenen Ärztetarifvertrag mit aller Gewalt verhindern wollte. Wenn dies aber dem MB tatsächlich gelingt, hat sich der Verband damit auch als eine eigenständige und kämpferische gewerkschaftliche Interessenvertretung für die Ärzte etabliert. Dies konnte den MB-Strategen nur mit einem Arbeitskampf, in dem man offensiv für Gehaltserhöhungen und bessere Arbeitszeitregelungen stritt, gelingen.
Eine Angleichung der Gehälter in Ost und West wird es allerdings nicht geben: »Im Gegenteil wird die Schere durch diesen Tarifvertrag weiter aufgehen«, sagte Montgomery am Dienstag morgen im RBB-Inforadio.
http://www.jungewelt.de/2006/06-14/010.php
Hamburg. Mit Warnstreiks und Kundgebungen haben am Donnerstag in Hamburg etwa 2500 Beschäftigte aus fast allen Kliniken der Stadt »für gerechte Tarifverträge« demonstriert. Während ver.di die Übernahme des Tarifvertrags öffentliche Dienste (TVÖD) auch für die weitgehend privatisierten Hamburger Krankenhäuser erreichen will, wollen die Klinikbetreiber längere Arbeitszeiten und Lohnkürzungen durchsetzen. Der Protest richtete sich zugleich gegen die Absicht der Unternehmer, mit dem Marburger Bund einen eigenen Ärztetarifvertrag für Hamburg abzuschließen. Ver.di-Landeschef Wolfgang Rose stellte »unbefristete Streiks« in Aussicht, würden sich die Klinikbetreiber gegenüber dem pflegerischen und technischen Personal nicht bewegen, während man mit den Ärzten Gehaltserhöhungen von bis zu 30 Prozent vereinbare.
(jW)
http://www.jungewelt.de/2006/06-09/020.php
Hamburger Senat verpflichtet Ein-Euro-Jobber zum Praktikum als Straßenfeger
In Hamburg werden Ein-Euro-Jobber während der Fußball-Weltmeisterschaft als Straßenkehrer bei der Stadtreinigung eingesetzt. Für ver.di-Fachbereichsleiter Roland Kohsiek ein klarer Rechtsbruch, wie er am Donnerstag gegenüber jW hervorhob, denn durch der Einsatz der fast 60 Jobber würden nur Regelaufgaben der Stadtreinigung übernommen, was durch das »Zusätzlichkeitskriterium« des Sozialgesetzbuches II (SGB II) eigentlich ausgeschlossen sei.
Doch es geht nicht nur um Straßenkehrer, denn nach jW vorliegenden Informationen hat die Stadtreinigung solche Jobber inzwischen sogar im eigenen »Overhead« eingesetzt, wo sie Planungstätigkeiten koordinieren. Um diesen Mißbrauch zu verschleiern, wurde der Einsatz als »Praktikum« für Beschäftigte unterschiedlicher Beschäftigungsträger definiert. Bei Praktika hat die Stadtreinigung zudem die Möglichkeit, Arbeitszeitregelungen für Ein-Euro-Jobber, die maximal 30 Stunden in der Woche arbeiten dürfen, außer Kraft zu setzen. Praktikanten arbeiten Vollzeit. Wie die Jobber erhalten sie eine Aufwandspauschale von maximal 1,70 Euro in der Stunde.
Bestehe ein solcher zusätzlicher Personalbedarf, hätte dieser durch reguläre Einstellungen gedeckt werden müssen, sagte der Hamburger DGB-Chef Erhard Pumm. Pumm befürchtet, daß der Einsatz der Jobber auch vorhandene Arbeitsstellen bedroht. Weder Aufsichtsrat noch Personalrat wurden zuvor informiert. Um das Betriebsverfassungsgesetz zu umgehen, kamen die Jobber über den Umweg einer Tochtergesellschaft, für die der Personalrat nicht zuständig ist.
Unterdessen verteidigte die aufsichtsführende Hamburger Wirtschaftsbehörde den Einsatz. Andere Städte würden das auch machen, sagte Sprecher Arne Maydell. Das hamburger Beispiel ist kein Einzelfall. Eine Überprüfung des Bundesrechnungshofes hatte kürzlich ergeben, daß bei einem Viertel der bei Kommunen oder Kommunalbetrieben eingesetzten Jobber die gesetzlichen Bestimmungen nicht eingehalten werden.
http://www.jungewelt.de/2006/06-09/030.php
Personalräte von Hamburger Schulen lehnen CDU-Pläne für neues Schulgesetz ab. Grüne finden konservative Vision von »selbstverantworteter Schule« chic
Gegen ein neues Schulgesetz haben am Mittwoch Personalräte aus fast allen Hamburger Gymnasien Stellung bezogen. In einer gemeinsamen Resolution forderten sie die Bürgerschaft auf, dieses neue Gesetz abzulehnen. Nach dem Gesetzentwurf sollen die Hamburger Schulen künftig wie kleine Unternehmen geführt werden. Sie verwalten ihr eigenes Budget und haben das Recht zur eigenen Personalbewirtschaftung. Verbindliche Absprachen mit der Schulbehörde soll es nur noch im Rahmen jährlicher Leistungsvereinbarungen geben. Erst vor kurzem hatte sich auch die Personalversammlung aller erweiterten Schulleitungen der Gymnasien gegen das Vorhaben von Bildungssenatorin Alexandra Dinges-Dierig (CDU) ausgesprochen, das diese schon im August durch die Bürgerschaft beschließen lassen will.
Das geplante Gesetz gehe zu Lasten der Qualität, sagte Gymnasialpersonalrat Michael Bartsch. Statt den päda-gogischen Konsens zu suchen, würde das neue Gesetz nur den Kostendruck einseitig auf die Schulleitungen übertragen. Diese müßten künftig darüber entscheiden, ob sie entweder mehr Sachmittel oder aber gut ausgebildete Lehrer statt billiger Honorarkräfte haben wollen. Schon jetzt sei absehbar, daß sich Schulleitungen unter diesem Druck dazu entscheiden würden, Probleme auf dem Rücken ihrer Kolle-gien zu lösen. Aber auch die Schulleiter selbst würden unter dem Druck eines Ranking-Wettbewerbs stehen, bei dem schlechte Auslastungs- und Budgetwerte entscheidende Kriterien liefern sollen, ob eine Schule gegebenenfalls geschlossen wird.
Ebenfalls einstimmig kritisierten die Personalräte die geplante Einschränkung von Mitbestimmungsrechten. Nach dem neuen Gesetz soll es keine Schulkonferenzen mehr geben. Beunruhigt zeigten sich die Personalräte auch über ein neues Gebäudemanagement, das auf eine Auslagerung von Hausmeistertätigkeiten hinauslaufe. Schon zuvor hatten sich Personalräte aus allen Grund-, Haupt- und Realschulen gegen den Gesetzentwurf ausgesprochen. Heftige Kritik kam auch von der Lehrergewerkschaft GEW, der Linkspartei.PDS und sozialdemokratischen Bildungspolitikern. Die Grünen hingegen betonten, daß sie das CDU-Konzept der »selbstverantworteten Schule« im Grundsatz begrüßen.
http://www.jungewelt.de/2006/06-08/025.php
Komplizierte Regeln im neuen Länder-Tarif des öffentlichen Dienstes
Seit Anfang dieser Woche ist der längste Streik in der Geschichte des öffentlichen Dienstes vorbei. 83,5 Prozent der stimmberechtigten ver.di-Mitglieder billigten das Verhandlungsergebnis mit der Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL) vom 19. Mai.
Für ver.di ist ein Hauptziel, die Übernahme des Tarifvertrags öffentliche Dienste (TVöD) für die Landesbediensteten, damit zwar erreicht. Doch nur gegen schmerzhafte Kompromisse, wie TdL-Verhandlungsführer Hartmut Möllring (CDU) sogleich frohlockte. Aber auch die Arbeitgeber konnten sich nicht vollständig durchsetzen, denn sie wollten die flächendeckende 40-, in Bayern sogar die 42-Stunden-Woche. Lange Zeit sah es zudem so aus, als würde es Möllring und dem bayrischen Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) überhaupt nicht um einen Abschluss, sondern um tariflose Zonen gehen. Die wird es vorerst nicht geben.
39,22 Stunden im Bundesdurchschnitt
Der Kernkonflikt dieses Arbeitskampfes drehte sich aber um die tarifliche Wochenarbeitszeit, die nun bundesweit bei durchschnittlich 39,22 Stunden für die 800 000 Landesbediensteten liegen soll. Deutlich mehr, als für den Bund und die Kommunen vereinbart wurde, weshalb jetzt eigentlich die Meistbegünstigungsklausel greifen müsste, nach der dieser Abschluss von den Kommunen und dem Bund übernommen werden könnte. Damit dies nicht passiert, hatten sich die ver.di-Tarifstrategen einen Trick ausgedacht.
Danach richtet sich die tarifliche Arbeitszeit nun je Bundesland nach der Differenz zwischen bisheriger tariflicher Arbeitszeit (38,5 Stunden) und tatsächlicher durchschnittlicher Arbeitszeit. Der so ermittelte Differenzfaktor wird bis zu einer Höchstgrenze von 0,4 Stunden noch verdoppelt und schließlich auf 38,5 Stunden aufsummiert. Ein kompliziertes Modell, welches dazu führt, dass die tarifliche Arbeitszeit in Schleswig-Holstein bei 38,7 Stunden, hingegen in Bayern bei 39,7 Stunden liegt. Belohnt werden die Länder, die nach der Kündigung der Arbeitszeitnormen in 2004 viele neue Mitarbeiter mit höheren Arbeitszeiten als der tariflich vorgegebenen eingestellt haben. Dieser Arbeitszeit-Mix wird zusätzlich darüber variiert, dass für »belastete Gruppen« weiter die 38,5-Stunden-Woche gilt. Der daraus entstehende Arbeitgebernachteil wird aufsummiert und dem Differenzfaktor aller übrigen Beschäftigten zugeschlagen. Besonders belastet sind laut Vereinbarung etwa Krankenpfleger, Schichtarbeiter sowie Mitarbeiter aus Straßenbaumeistereien und Unikliniken.
Es ist kein Zufall, dass dies vor allem Berufsgruppen sind, die besonders aktiv am Streik beteiligt waren. Ver.di wollte gerade für sie punkten, weshalb nun in den Konkretisierungsvereinbarungen auf Landesebene auch noch weitere Ausnahmebereiche festgelegt werden können. Für Hamburg hat der lokale ver.di-Chef Wolfgang Rose schon angekündigt, dass dazu auch die Beschäftigten des Elbtunnels und bei den Schleusen gehören werden, die dem Streik seine Schlagkraft gaben.
Sonderzahlungen von 30 bis 95 Prozent
Wie aber die Gewerkschaft auf dieser Grundlage 2008, wenn die jetzigen Regelungen auch durch die Arbeitgeber zu kündigen sind, wieder gemeinsamen Widerstand der Beschäftigten aufbauen will, ist unklar. Die Gefahr ist groß, dass dann die Arbeitgeber weitere »Angleichungen« an ihre Ziele durchsetzen können, was nun auch durch unterschiedliche Laufzeiten für die Tarifverträge im Bund, den Kommunen und in den Ländern begünstigt wird.
Ähnlich gestrickt sind auch weitere Lösungen des Abschlusses. Bei den Jahressonderzahlungen wird das, was einige neu bekommen, den anderen fehlen. Die Spannbreite solcher Zahlungen bewegt sich zwischen 30 und 95 Prozent eines Monatsgehalts. Kaum mehr überschaubar sind die Einmalzahlungen, die zusätzlich zur Lohnanpassung 2008 (2,9 Prozent) in 2007 geleistet werden sollen. Da auch leistungsbezogene Komponenten eingeführt werden, ist auch der Lohn vielfältig differenziert, was gewerkschaftliche Solidarität erschwert. Doch »wenigstens haben wir den Flächentarif erhalten können«, heißt es zu solcher Kritik aus der ver.di-Zentrale. Was aber, fragen sich viele, ist ein derart zerfledderter Tarifvertrag noch wert?
In der ver.di-Linken heißt es zuweilen, dass die diesjährigen Streiks nur die logische Folge eines 2004 und 2005 bei der Diskussion zum TVöD nicht geführten Arbeitskampfes gewesen wären und sich schon deshalb in der Sackgasse befunden hätten. Bezüglich der Landesbediensteten behaupten einige sogar, dass selbst der jetzt vorliegende Abschluss nur möglich war, weil damit aus Sicht der TdL der Arbeitskampf des Marburger Bundes ( MB ) behindert werden konnte, denn in der Vereinbarung ist nun auch ein Passus zur künftigen Entgelt- und Arbeitszeitstruktur für die Klinikärzte enthalten. Der aber liegt weit unter den MB-Forderungen. Nun will sich die TdL auf die Rechtssprechung des Bundesarbeitsgerichts stützen, wonach in einem Betrieb im Zweifel nur der Tarifvertrag zur Anwendung käme, der für die Mehrheit der Beschäftigten gilt.
Doch ist auch die Gegenfrage berechtigt: Worin hätte die Alternative bestanden nachdem der Länderbereich am Ende alleine kämpfte und die Mobilisierungsfähigkeit immer mehr abnahm?
http://www.nd-online.de/artikel.asp?AID=91367&dc=42&db?Archiv
Ver.di protestiert am 8. Juni gegen »egozentrischen Spezialtarif« für die Ärzte
In Hamburg hat die Gewerkschaft ver.di das pflegerische und technische Personal in allen Krankenhäusern zu einem ganztägigen Warnstreik für den 8. Juni aufgerufen. Am Mittwoch begründete ver.di-Landeschef Wolfgang Rose diese Arbeitsniederlegung auch mit dem Protest gegen einen »egozentrischen Spezialtarif für die Ärzteschaft«, den der Hamburger Krankenhausarbeitgeberverband und der Marburger Bund ( MB ) letzte Woche ausgehandelt hatten. Damit werden nur für Mediziner die Arbeitszeiten neu geregelt und Eckwerte für eine neue Entgeltverordnung festgelegt. Doch während sich der MB damit in Hamburg bereits auf der Zielgeraden sieht, flatterte der ver.di-Verhandlungskommission nun am Dienstag ein Tarifangebot für die anderen Beschäftigten auf den Tisch, das Lohnkürzungen von mindestens 17 Prozent vorsieht.
Daß ver.di überhaupt Verhandlungen über einen Tarifabschluß führen muß, liegt daran, daß in Hamburg die Landeskrankenhäuser längst privatisiert wurden. Die neuen »Arbeitgeber« sind aus der Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL) ausgestiegen. Die vor fünf Monaten begonnenen Verhandlungen erweisen sich aber inzwischen vor allem für die Unternehmer als Erfolg, die damit um hohe Streikkosten herumkamen.
Während dieser Verhandlungen hatten sich die Klinikeigentümer bei Ver.di einen Streikverzicht durch eine Beschäftigungsgarantie für 2006 erkauft. Erst am Dienstag legten sie ihren vollständigen Forderungskatalog vor. Demnach soll das pflegerische und technische Personal nun nicht nur eine Arbeitszeiterhöhung von 38,5 auf 40 Stunden hinnehmen, sondern auch auf Weihnachts- und Urlaubsgeld verzichten. Ebenfalls sollen Sonn- und Feiertagszuschläge gekürzt werden, während gleichzeitig ein »flexibles Arbeitszeitmodell« eingeführt werden soll, das tägliche Beschäftigungen von bis zu zwölf Stunden ermöglicht. Schließlich fordern die Klinikbetreiber den Verzicht auf tarifliche Kündigungsschutzrechte.
Während man so für die Ärzte »verführerisch Geldscheine auf den roten Teppich« lege, wolle man den anderen »brutal das dünne PVC unter den Füßen« wegziehen, wofür auch der MB mitverantwortlich sei, sagte Rose. Doch bei der Ärztegewerkschaft prallen solche Vorwürfe ab. Hier verweist man auf die eigene kämpferische Interessenvertretung, während man ver.di vorwirft, sich in den Verhandlungen verheddert zu haben. Wie groß die Kampfkraft bei ver.di noch ist, wird sich nun erst am 8. Juni zeigen. Dann aber hat der MB seinen eigenen Abschluß für Hamburg längst unter Dach und Fach.
http://www.jungewelt.de/2006/06-01/043.php
Rund 12500 Mediziner in Kliniken in ganz Deutschland legten die Arbeit nieder. Am heutigen Dienstag sind Großdemonstrationen in Hannover und München geplant
Der Ärztestreik an den Unikliniken hat sich zu Beginn der Woche wieder ausgeweitet. Rund 12500 Klinikärzte in 37 Uni-Kliniken und Landeskrankenhäusern legten am Montag ihre Arbeit nieder, um so die Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL) erneut an den Verhandlungstisch zu zwingen. Die TdL hatte erklärt, daß der mit ver.di ausgehandelte Tarifkompromiß nun auch für Klinikärzte gelte, während der Marburger Bund ( MB ) auf einen gesonderten Ärztetarifvertrag besteht, mit dem deutlich höhere Einkommen durchgesetzt werden sollen. Neu ist nun, daß die vom MB geführten Streiks eine ganze Woche dauern sollen, während bislang nur tageweise protestiert wurde. Für die nächste Woche sind dann »Tage der Patientenversorgung« angekündigt, um verschobene Operationen nachzuholen.
Gegenüber jW übte MB-Sprecher Athanasios Drougias erneut Kritik an ver.di und der TdL, deren Funktionäre nun erkennen müßten, daß eine »Zwangsüberführung in ihren ärztefeindlichen Tarifvertrag« bei den Klinikern auf harten Widerstand stoße. Der Versuch sei gescheitert, die ärztliche Streikfront aufzubrechen. Sollte sich der TdL-Vorsitzende Hartmut Möllring (CDU) Verhandlungen weiterhin versagen, sei eine Ausweitung und Intensivierung der Ausstände auch während der Fußballweltmeisterschaft möglich, sagte MB-Vorsitzender Frank Ulrich Montgomery.
Arbeitsniederlegungen gab es am Montag u.a. an den Universitätskliniken in Heidelberg, Freiburg, Tübingen, Ulm, Hannover, Göttingen, Essen, Münster, Düsseldorf, Köln, Bonn, Aachen, Mainz, Leipzig, Dresden, Magdeburg, Halle, Jena, Rostock und Greifswald.
Ausgenommen von den Streiks sind die Kliniken in Hamburg, wo sich Vertreter der Ärztegewerkschaft und der Arbeitgeber bereits auf einen Vorschalttarifvertrag zur Regelung der Arbeitszeiten geeinigt hatten. Noch offene Frage zur Entgeltverordnung sollen hier nun »zügig« geklärt werden.
Kritik am Ärztestreik kam unterdessen erneut vom ver.di-Bundesvorsitzenden Frank Bsirske, der in Berlin das Ergebnis der Urabstimmung zum Tarifkompromiß für die Landesbediensteten am Montag nachmittag bekanntgab. 83,5 Prozent der Abstimmenden hätten für die Annahme des Tarifkompromisses votiert, der nun auch für die Klinikärzte gelte. Um dem zu widersprechen, ruft der MB für den heutigen Dienstag zu zwei Großdemonstrationen in Hannover und München auf, an denen sich ab 13 Uhr jeweils Tausende Mediziner beteiligen sollen.
http://www.jungewelt.de/2006/05-30/061.php
2 Kommentare
Köln. In den Tarifverhandlungen für 1350 RTL-Beschäftigte hat der Kölner Privatsender den Manteltarifvertrag zum Jahresende gekündigt. RTL wolle die 40-Stunden-Woche wieder einführen, Überstundenzuschläge absenken, das Urlaubs- und Weihnachtsgeld kürzen und für neue Mitarbeiter eine neue Entgeltstruktur bei den Festgehältern erreichen, sagte Unternehmenssprecher Christian Körner am Mittwoch nach der achten Verhandlungsrunde.
Belastet sind die Gespräche mit ver.di und dem Deutschen Journalistenverband (DJV) zusätzlich durch geplante Stellenstreichungen. Körner wollte sie nun auch offiziell nicht mehr ausschließen, legte sich allerdings nicht auf eine Zahl fest. Für die weiteren Verhandlungen am 21. Juni will ver.di-Verhandlungsführer Matthias von Fintel deshalb nach eigenen Angaben seine Verhandlungstaktik ändern und einen »Beschäftigungspakt« vorschlagen, um so die »Spekulationen um das Ausmaß geplanter Stellenstreichungen« zu beenden und die »existentiellen Fragen der RTL-Beschäftigten als Teil der aktuellen Tarifrunde« zu beantworten.
(jW)
http://www.jungewelt.de/2006/05-26/035.php
Berlin. Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund ( MB ) will ihre Streiks nach einwöchiger Pause ab Montag wieder aufnehmen. Bundesweit werde es dann einen einwöchigen Streik an Unikliniken und Landeskrankenhäusern geben, wie ein MB-Sprecher ankündigte. Solche Streikwochen würden künftig alle 14 Tage stattfinden bis die Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL) bereit sei, über einen eigenen Ärztetarifvertrag zu verhandeln. Nicht betroffen ist Hamburg, wo sich die Tarifparteien am Mittwoch schon auf die Grundzüge eines neuen Ärztetarifvertrages mit einer Wochenarbeitszeit von 40 Stunden geeinigt hatten.
(jW)
http://www.jungewelt.de/2006/05-26/028.php
Rosenkäufer sollen Blumenimporteure auffordern, sich bei den Lieferanten in Kolumbien für eine freie Gewerkschaftsarbeit einzusetzen. Ein Gespräch mit Aidé Silva Mateus
Aidé Silva Mateus ist Vorsitzende der kolumbianischen Blumenarbeitergewerkschaft Untraflores
Interview: Andreas Grünwald
F: Allein in Deutschland werden jährlich Rosen im Wert von einer Milliarde Euro verkauft. Viele dieser Blumen kommen aus Kolumbien. Welche Bedeutung hat dies für Ihre Volkswirtschaft?
Der internationale Rosenmarkt gehört zu den wichtigsten Devisenquellen des Landes, weshalb auch die Anbauflächen ständig wachsen. Unsere Rosen werden vor allem in die USA gebracht. Gewinnbringend werden sie auch in Deutschland, Japan und Rußland verkauft. Doch dafür müssen auf den Plantagen 90000 Menschen, überwiegend Frauen, unter den erbärmlichsten Bedingungen schuften.
F: Hat sich die Ausbeutung der Blumenarbeiter noch verschärft?
Das Pensum ist durch ein neues Arbeitssystem noch einmal gestiegen. Einzelne Gruppen müssen nun monatelang die gleichen Tätigkeiten, zum Beispiel in gebückter Haltung ausüben. Erkrankungen wie Rückenleiden oder Sehnenscheidenentzündungen nehmen damit zu. Die zuständigen Stellen weigern sich aber häufig, sie dann auch als Berufskrankheit anzuerkennen. So werden die Kranken ohne Entschädigung und ohne Rente einfach entlassen. Die Ausbeutung nimmt aber auch durch Subunternehmen zu, die nur noch befristet einstellen. In Stoßzeiten sind Vertragslaufzeiten von acht bis 15 Tagen keine Seltenheit mehr. In diesen Zeiten arbeiten wir auch schon mal 36 Stunden ohne längere Pause.
F: Ruht die Arbeit denn zumindest nach der Behandlung der Rosen mit Pestiziden?
Nach dem Gesetz schon je nach Giftkategorie bis zu 18 Stunden. Doch ich kenne kein einziges Unternehmen, das sich daran hält. In der Regel müssen wir schon nach ein oder zwei Stunden wieder in die Gewächshäuser, wenn das Gift gerade mal getrocknet ist. 2003 kam es zu einem großen Unfall, als auf einer Plantage gleich 380 Arbeiter in Ohmacht fielen. Doch die Firma kam mit einer kleinen Geldstrafe davon; bis heute gibt es niemanden, der die Pestizideinsätze kontrolliert.
F: 2001 haben Sie dann Ihre Gewerkschaft gegründet.
Zunächst als Industriegewerkschaft. Doch gezielt strichen die Unternehmer unseren Mitgliedern alle Vergünstigungen und bedrohten sie sogar mit Kündigungen. Der Druck war so groß, daß wir landesweit nur noch sechs Mitglieder hatten. Erfolg brachte dann eine Doppelstrategie, bei der wir zusätzlich zum Dachverband auch Betriebsgewerkschaften gründeten. Vorstandsvertreter der Betriebsgewerkschaften haben nach dem kolumbianischen Arbeitsgesetz einen gewissen Kündigungsschutz. Heute haben wir 1 600 Mitglieder und sind in fünf großen Betrieben verankert.
F: Was können Rosenkäufer z. B. in Deutschland tun, um Ihre junge Gewerkschaft zu unterstützen?
Die Unternehmer haben Angst vor internationaler Solidarität, denn sie fürchten, daß dadurch ihr Bild von der sauberen Rose aus Kolumbien angekratzt wird. Das könnte zu Marktverlusten führen. 2003 war ich schon einmal in Deutschland und habe damals mit Blumenimporteuren diskutiert, was dann sofort eine nachhaltige Wirkung in meinem eigenen Betrieb hatte. Seitdem ist es mir erlaubt, zum Arzt zu gehen, um dort mein durch Pestizide verursachtes Asthma behandeln zu lassen. Natürlich erhalte ich dann keinen Lohn.
Gut wäre es, wenn Rosenkäufer ihre Blumenimporteure auffordern, sich ihrerseits bei den Lieferanten in Kolumbien für eine freie Gewerkschaftsarbeit einzusetzen.
http://www.jungewelt.de/2006/05-09/002.php