Rund 12500 Mediziner in Kliniken in ganz Deutschland legten die Arbeit nieder. Am heutigen Dienstag sind Großdemonstrationen in Hannover und München geplant
Der Ärztestreik an den Unikliniken hat sich zu Beginn der Woche wieder ausgeweitet. Rund 12500 Klinikärzte in 37 Uni-Kliniken und Landeskrankenhäusern legten am Montag ihre Arbeit nieder, um so die Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL) erneut an den Verhandlungstisch zu zwingen. Die TdL hatte erklärt, daß der mit ver.di ausgehandelte Tarifkompromiß nun auch für Klinikärzte gelte, während der Marburger Bund ( MB ) auf einen gesonderten Ärztetarifvertrag besteht, mit dem deutlich höhere Einkommen durchgesetzt werden sollen. Neu ist nun, daß die vom MB geführten Streiks eine ganze Woche dauern sollen, während bislang nur tageweise protestiert wurde. Für die nächste Woche sind dann »Tage der Patientenversorgung« angekündigt, um verschobene Operationen nachzuholen.
Gegenüber jW übte MB-Sprecher Athanasios Drougias erneut Kritik an ver.di und der TdL, deren Funktionäre nun erkennen müßten, daß eine »Zwangsüberführung in ihren ärztefeindlichen Tarifvertrag« bei den Klinikern auf harten Widerstand stoße. Der Versuch sei gescheitert, die ärztliche Streikfront aufzubrechen. Sollte sich der TdL-Vorsitzende Hartmut Möllring (CDU) Verhandlungen weiterhin versagen, sei eine Ausweitung und Intensivierung der Ausstände auch während der Fußballweltmeisterschaft möglich, sagte MB-Vorsitzender Frank Ulrich Montgomery.
Arbeitsniederlegungen gab es am Montag u.a. an den Universitätskliniken in Heidelberg, Freiburg, Tübingen, Ulm, Hannover, Göttingen, Essen, Münster, Düsseldorf, Köln, Bonn, Aachen, Mainz, Leipzig, Dresden, Magdeburg, Halle, Jena, Rostock und Greifswald.
Ausgenommen von den Streiks sind die Kliniken in Hamburg, wo sich Vertreter der Ärztegewerkschaft und der Arbeitgeber bereits auf einen Vorschalttarifvertrag zur Regelung der Arbeitszeiten geeinigt hatten. Noch offene Frage zur Entgeltverordnung sollen hier nun »zügig« geklärt werden.
Kritik am Ärztestreik kam unterdessen erneut vom ver.di-Bundesvorsitzenden Frank Bsirske, der in Berlin das Ergebnis der Urabstimmung zum Tarifkompromiß für die Landesbediensteten am Montag nachmittag bekanntgab. 83,5 Prozent der Abstimmenden hätten für die Annahme des Tarifkompromisses votiert, der nun auch für die Klinikärzte gelte. Um dem zu widersprechen, ruft der MB für den heutigen Dienstag zu zwei Großdemonstrationen in Hannover und München auf, an denen sich ab 13 Uhr jeweils Tausende Mediziner beteiligen sollen.
http://www.jungewelt.de/2006/05-30/061.php

Die Ärzte haben vollkommen recht, so viel herauszuholen, wie nur möglich. Gut wäre das auch für uns bei ver.di. Doch dort macht die Gewerkschaft ständig Kompromisse
Klar, jeder holt so viel raus wie möglich, Mehrwertsteuer geht ja auch hoch, Gehalt bleibt für Normalverdiener gleich und mittlerweile steht eigentlich überall das in Euro auf den Waren, was dort vorher in DM stand. Das Gehalt allerdings wurde feinsäuberlich umgerechnet, ist also de fakto nur noch die Hälfte wert. Zusätzlich darf z. b. mein Mann nun 1,5 Std. mehr arbeiten in der Woche, dafür bekommt er auch nicht weniger Gehalt, ist doch schon mal was. Selbst mit tariflich neu ausgehandelter Lohnerhöhung ist es unterm Strich eine Gehaltssenkung.
Deshalb müssen die Ärzte natürlich endlich mal so viel verdienen, dass sie nicht Hartz-IV gefährdet sind. Statt mal das System vernünftig zu reformieren, dass Ärzte keine Wahnsichtsschichten von 72 h machen dürfen, nö, mehr Gehalt ist auch ok, wenn man übermüdet ist, trifft´s vermutlich eh nur einen Kassenpatienten, denn für Privatpatienten verlässt vielleicht doch der Herr Oberarzt/Chefarzt mal seinen Ruheraum. Und Krankenschwestern scheinen von der Regelung befreit zu sein, endlich mal deutlich mehr zu verdienen, obwohl jeder, der jemals im Krankenhaus war, wissen muss, wie viel die arbeiten und was für einen Hungerlohn sie dafür bekommen.
Wenn es so schlimm ist, Arzt in Deutschland zu sein, dann frage ich mich, wieso so viele junge Menschen Medizin studieren. Natürlich hat jeder das Recht zu streiken, keine Frage. Aber was die Ärzte da derzeit veranstalten, ist schon echt unverschämt, wenn man die Lohnverhandlungen anderer Berufsgruppen sieht. „Aufschiebbare Operationen“ zu verschieben, wie selbstherrlich muss man denn sein? Natürlich ist z. b. eine neue Hüfte für einen älteren Menschen kein Notfall, aber manche haben da evtl. schon lange drauf gewartet und nun heißt es einfach „nö, Oma, geh´ mal schön heim, wir streiken hier und Du bist (uns total egal) kein Notfall. Nach dem Streik kriegste nen neuen Termin“. Das ist auch eine Art der Menschenverachtung…
Für mich ist das mittlerweile kein Streik mehr, sondern reine Erpressung, besonders auch im Hinblick auf die Peinlichkeit, wenn die während der WM immer noch streiken.
Die Welt zu Gast bei Freunden? Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde…