16. Januar 2007

Den ersten Teil dieser umfangreichen Artikelsammlung aus einer Eigenbeilage der Jungen Welt zu ihrem 60. Geburtstag lesen Sie hier.

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Kein Pardon
Wir sind Tag für Tag eine Zeitung gegen den Krieg

von Rüdiger Göbel

Der Autor (Jahrgang 1968) kam im Herbst 1997 zur Tageszeitung junge Welt. Ab 1998 arbeitete er im Ressort Außenpolitik, seit dem Jahr 2000 ist er stellvertretender Chefredakteur.

Mit Gänsehaut saß ich vor dem Fernseher, sah die Bilder tanzender Menschen auf der Berliner Mauer und war mir sicher: Das ist kein Freudentag, der 9. November 1989 bedeutet Krieg. Die DDR wird untergehen, die BRD wahnsinnig und Großdeutschland größenwahnsinnig. Seitdem gab es keinen imperalistischen Krieg, an dem sich das plötzlich größer gewordene Land nicht beteiligt hätte. Der Grundkonsens »Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!« sollte der Vergangenheit angehören. Per Salamitaktik wird den Deutschen seit diesem Tag im November der Pazifismus ausgetrieben.

Der Begrüßungskrieg für das neue Deutschland sollte nicht lange auf sich warten lassen. Am Vorabend der US-Angriffe auf den Irak titelte die Junge Welt »Auch in der Wüste kann man ins Gras beißen« (16.1.1991) und forderte »Kein Krieg am Golf!« Am 17. Januar um 1.00 Uhr MEZ, 19 Stunden nach Ablauf des Ultimatums an Bagdad, begann die »Operation Wüstensturm« Washingtons und seiner Verbündeten. In den folgenden Wochen wurde die Infrastruktur des ölreichen Zweistromlandes zerbombt, wurden Saddam Husseins Truppen beim Rückzug aus Kuwait auf dem »Highway to hell« vernichtend geschlagen. Noch standen deutsche Soldaten nicht vorne an der Front. Mit dem Scheckbuch kaufte Kanzler Helmut Kohl das Land vom Schießen für George Bush sen. frei. Zweifellos aber gilt: Ohne den Fall der Mauer und den Kollaps der Sowjetunion wäre der Überfall auf den Irak nicht möglich gewesen. Mit dem Ende der Bipolarität konnte die verbliebene Supermacht die »neue Weltordnung« einläuten. Es sollte eine Weltkriegsordnung sein.

Im medialen Windschatten des Irak-Krieges machte sich die Bundesregierung an die Zerschlagung Jugoslawiens. Mit der vom damaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) gegen das übrige Europa forcierten frühzeitigen Anerkennung der Sezessionsrepubliken Slowenien und Kroatien als unabhängige Staaten im Dezember 1991 begann das eigentliche Schlachten auf dem Balkan. Mit dem Eingriff der NATO in den mörderischen Bürgerkrieg in Bosnien-Herzegowina ab 1994 avancierte die junge Welt wieder zur wahren Antikriegszeitung, auf die schließlich auch der eine oder andere Friedensaktivist im Westen aufmerksam wurde. Sie war das einzige Blatt, das sich die tägliche antiserbische Dosis für seine Leser verbat, die Kriegspropaganda als solche entlarvte. Eine Herausforderung für so manchen Leser, eine Conditio sine qua non, sprich unerläßlich für das eigenständige Profil. Mit ihren Berichten und Analyen wider den Common sense wurde die Zeitung für mich unverzichtbar zur eigenständigen Bewertung des Konflikts, lange bevor ich selbst ab 1997 bei ihr mitarbeitete.

Als der Bundestag am 30. Juni 1995 den Kriegseintritt beschloß, dokumentierte junge Welt die Namen der angriffswilligen Abgeordneten aus CDU/CSU, SPD, FDP und Bündnis 90/Die Grünen auf Seite 1. Vergessen war das Diktum Kohls, dort, wo einst die Wehrmacht gewütet hatte, hätten Soldaten der Bundeswehr nichts verloren. Bei den NATO-Angriffen auf bosnisch-serbische Stellungen waren sie mit dabei.

Zur Rechtfertigung der deutschen Serbenhatz mußten die in Auschwitz Ermordeten herhalten. Höhepunkt der Desinformation und Kriegspropaganda war die Beteiligung am sogenannten Kosovo-Krieg, wie die NATO-Aggression gegen Jugoslawien 1999 vom Gros der Medien fälschlicherweise bezeichnet wurde. Nach Beginn der Angriffe auf Belgrad und andere serbische Städte am 24. März 1999 titelte junge Welt »Der Krieg hat begonnen, Deutschland macht mit«, dazu ein hier erstmals veröffentlichtes Gedicht von Franz Josef Degenhardt: »Eigentlich unglaublich, daß ihnen das immer wieder gelingt …«. Ich selbst ging kurz darauf als jW-Korrespondent in die bombardierte jugoslawische Hauptstadt und berichtete von dort aus zum einen über den stolzen Versuch der Serben, dem weltmächtigsten Militärbündnis standzuhalten. Vor allem aber wurden die Leser konfrontiert mit den vielen zivilen Opfern angeblicher Präzisionsbomben, für die NATO-Sprecher Jamie Shea seinerzeit den Begriff »Kollateralschaden« geprägt hatte. Nach Kriegsende erlebte ich in Pristina, wie Serben, Roma, Gorani und Juden unter den Augen der einmarschierten NATO-Soldaten von fanatischen Albanern der »Befreiungsarmee« UCK aus dem Kosovo vertrieben wurden – auf Dauer. Die Folgen der von SPD und Grünen damals als »humanitärer Einsatz« verkauften Kriegsintervention wirken bis heute fort.

Besonders »auffällig« wurde junge Welt schließlich im Zusammenhang mit dem Irak-Krieg. In dessen Vorfeld plakatierte die Zeitung beim ersten Besuch von George W. Bush in Berlin im Frühjahr 2002 die Hauptstadt mit den Konterfeis des US-Präsidenten und des vermeintlichen Friedenskanzlers Gerhard Schröder unter dem Titelslogan »Krieger brauchen Kontra« zu. Als der Oberkommandierende im vergangenen Jahr auf Einladung der Irak-Kriegswilligen Angela Merkel zur teuersten Grillparty der Saison nach Mecklenburg-Vorpommern kam, unterstützte junge Welt die Proteste mit dem plakativen Titel »Make love not war«. Die Berichterstattung über den stetig wachsenden Widerstand im besetzten Zweistromland brachte der Zeitung ab 2004 diesbezügliche Einträge im Verfassungsschutzbericht des Bundes.

PS: Hätten sich die späteren Macher der Jungle World 1997 in dieser Zeitung durchgesetzt, die junge Welt wäre heute nicht mehr auf dem Markt, oder schlimmer, tägliches Kriegsblatt, stramm antiislamisch an der Seite der neokonservativen Kriegerkaste für den Irak-Feldzug und die israelische Besatzungspolitik trommelnd. Ich selbst müßte mich vermutlich in irgendeiner Nische der politikfernen Computerbranche verdingen.

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Parteinahme gegen Krieg nach außen und innen«

Eine Laudatio auf die junge Welt und andere Streiflichter aus dem Innenleben und von den Außenwirkungen einer Zeitung: Brisantes und Banales, Markantes und Merkwürdiges

Der erste Auslandsredakteur

Als Gerhard Zadek, damals 28jährig, gelernter Schlosser und Ingenieur, aus dem britischen Exil kommend, sich im Juni 1947 in Ostberlin bei der FDJ zwecks weiterer Verwendung meldet, landet er im Büro von Hermann Axen. Der stellvertretende FDJ-Vorsitzende, wie Zadek als Jude von den Nazis drangsaliert, ist nun im Jugendverband für Organisations- und Kaderfragen zuständig. Er eröffnet dem auf auf einen Wiederaufbau des zerstörten Landes erpichten Jugendfreund, der 1940 Mitglied der im Vorjahr in Großbritannien gegründeten Freien Deutschen Jugend geworden war: »Wir brauchen keine Ingenieure mit Schrauben und Muttern im Kopf, davon haben wir genug. Was wir brauchen, sind Leute mit klaren Köpfen, die einige der Muttern anziehen, die draußen im Land locker sind.« Und spricht von der neuen FDJ-Zeitung Junge Welt. So wird der Heimkehrer über Nacht – trotz der »dürren Drei in Rechtschreibung als Abgänger einer Achtklassenschule« (Zadek) – zum Journalisten und zum Leiter der außenpolitischen Redaktion der JW ernannt.

Honecker am Telefon

Ein Tag im Februar 1950. Die Junge Welt, seit dem 1. Januar zweimal wöchentlich erscheinend, hat längst Redaktionsschluß; die Ausgabe für den 17. Februar ist bereits in Sack und Tüten. Da klingelt bei Chefredakteur Heinz Stern das Telefon. Am Apparat: Erich Honecker, der Vorsitzende der FDJ, der quasi als Herausgeber des »Zentralorgans der FDJ« gelegentlich auf diese Weise in »seine« Zeitung hineinregiert. »Ich schick‘ euch jetzt ein Material, das kommt auf Seite eins.« Heinz Stern: »Es waren Text und Noten für das Lied zum Deutschlandtreffen ›Auf den Straßen, auf den Bahnen sieht man Deutschlands Jugend zieh’n…‹ Dazu die Noten und ein riesiges Foto von Johannes R. Becher und Hanns Eisler.« Sterns Einwand, daß das auf der Seite drei doch auch sehr prominent plaziert wäre, wird von Honecker abgeschmettert. »Er sagte, kommt nicht in Frage, es kommt auf Seite eins und basta. Das ist das Lied zum Deutschlandtreffen, und dieses Lied muß die ganze FDJ kennenlernen und singen, und deswegen kommt es auf Seite eins…«

Bericht mit Langzeitwirkung

Der 1. März ist Tag der Nationalen Volksarmee und alle Jahre in der DDR Anlaß, mit Namensgebungen an Truppenteile und Einheiten Traditionen bewußt zu machen. So auch am 1. März 1967 in Peenemünde, in der dort stationierten Flottille der Volksmarine. Hier hat die Junge Welt maßgeblichen Anteil daran. Ihr im Oktober 1966 begonnener (und später für das Fernsehen verfilmter) Tatsachenbericht »Rottenknechte« hatte das Schicksal von Angehörigen der faschistischen Kriegsmarine aufgedeckt, die 1945 Befehle zur Fortsetzung des längst verlorenen Krieges verweigert hatten und deshalb hingerichtet worden waren – drei Tage vor der bedingungslosen Kapitulation. Während einer feierlichen Zeremonie, an der auch der Chef der Volksmarine, Vizeadmiral Wilhelm Ehm, teilnimmt, erhalten nun also drei Landungsboote die Ehrennamen Rolf Peters, Gerhard Prenzler und Heinz Wilkowski – stellvertretend für die insgesamt elf ermordeten Besatzungsmitglieder des Minensuchers M 612.

Grafik für’n Groschen

»Etwas Neues zu erfinden, das nützlich ist, unseren Lesern Freude macht und das es in keiner anderen Zeitung gibt: Grafik für einen Groschen – das ist unser Angebot.« Damit beginnt am 20. April 1971 die Geschichte der JW-Grafikserien. Fortan agiert die Jugendzeitung – bis 1989/1990 im Jahres- bzw. Zwei-Jahresabstand – auch als Auftraggeber und Mittler von Kunst. Schon die Startserie mit elf Arbeiten zum Thema »Junge Leute in der sozialistischen DDR« stößt auf ein begeistertes Echo und enormen Zuspruch: Allein für die 50 Originalabzüge des ersten Blattes, die Lithographie »Junge Liebe« von Ulrich Fritzsche (Jahrgang 1941) gehen rund 600 Bestellungen ein, die dann mit einem zusätzlichen Druck abgearbeitet werden müssen. Aber hinzu kommt ja noch die ganzseitige Veröffentlichung in der Zeitung, die seinerzeit nur den erwähnten Groschen kostet – bei einer Auflage von 500000 Exemplaren im Jahr 1971 und 1,5 Millionen 1989. Weitere Serien, für die auch namhafte ausländische Künstler gewonnen werden konnten, waren meist gesellschaftlichen Höhepunkten gewidmet – so den Weltfestspielen 1973 und 1985, dem 25. DDR-Geburtstag 1974, dem 30. Jahrestag der Befreiung im Folgejahr oder dem 750jährigen Berlin-Jubiläum 1987.

Bis zu diesem Zeitpunkt haben bereits im JW-Auftrag 143 Künstlerinnen und Künstler, darunter Willi Sitte, Arno Mohr, Wolfgang Mattheuer, Johannes Heisig, Hubertus Giebe, Ronald Paris, Werner Tübke, Theo Balden, Fritz Cremer, Trakia Wendisch, Manfred Bofinger, Nuria Quevedo, David Alfaro Siqueros und HAP Grieshaber, insgesamt 185 Arbeiten vorgelegt (hier Walter Womacka für die 83er Serie »Dem Frieden meine Grafik«).

Arbeiterklasse beleidigt

Eines Tages im Spätherbst 1979 erscheint ein junger Bauarbeiter in der Redaktion und fragt sich zur Wirtschaftsabteilung durch. Der Jugendbrigadier von der »FDJ-Initiative Berlin«, die in der Hauptstadt das Wohnungsbauprogramm der DDR realisieren soll, will seinen Frust über schlampige Organisation und die Arbeitsmoral auf den Baustellen loswerden. Am 7. Dezember erscheint der daraufhin entstandene Beitrag unter der Überschrift »Wer soll das bezahlen?« in der Zeitung. Die Aufregung im zuständigen Ministerium führt zu heftigen Diskussionen – zunächst allerdings weniger auf den Baustellen, sondern mit den Beteiligten aus der Redaktion; denen wirft Günter Mittag, im SED-Politbüro für Wirtschaftsfragen zuständig, vor, damit die Arbeiterklasse beleidigt zu haben. Die Überschrift allerdings findet auch in den 80er Jahren als Markenzeichen für kritische Beiträge wiederholt Verwendung.

Hoch hinaus

Im August 1987 erklimmen fünf junge Bergsteiger aus der DDR gemeinsam mit einem Redakteur der Jungen Welt in der Sowjetrepublik Tadshikistan einen bis dahin noch unbezwungenen Viertausender im mittelasiatischen Fan-Gebirge. Die mit Unterstützung des Komsomol durchgeführte Aktion ist natürlich dem bevorstehenden 70. Jahrestag der Oktoberrevolution, dem Frieden und der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft gewidmet, ein bißchen aber auch dem im Februar begangenen 40. Jahrestag der Tageszeitung der FDJ. Denn im Gepäck des Bergsteigereleven aus Berlin befindet sich eine Metallplatte, auf der der künftige Name des bisher namenlosen Gipfels eingraviert ist: Pik Junge Welt.

Kein Kommentar

Seit den Olympiamedaillen von 1964, 1972, 1976 und 1980 sowie der einmaligen Teilnahme der DDR an der Fußball-WM 1974 (und dem dort erspielten 1:0-Sieg über den späteren Weltmeister BRD) sowie dem Sieg des 1. FC Magdeburg im europäischen Pokalsieger-Cup 1974 ist es um den DDR-Fußball international nicht gut bestellt. Auch 1987 werden die Fans schon in der ersten Runde der europäischen Pokalwettbewerbe maßlos enttäuscht: Nach den Rückspielen scheiden mit dem BFC Dynamo, dem 1. FC Lok Leipzig und Dynamo Dresden gleich drei von vier Vereinen aus. »Kommentar überflüssig« steht tags darauf, am 1. Oktober, in der Berlin-Ausgabe auf der Sportseite – und das ist auch so gemeint: Statt der Spielberichte herrscht gähnende Leere. Nur eine Fußnote gibt es: »Den Wismut-Kumpeln aus Aue wünschen wir alles Gute für die nächste Runde!« Doch das Zeichen zorniger Sprachlosigkeit zeitigt – von der Empörung in der Sportverbandsführung und dem Unverständnis bei Medienverantwortlichen höheren Ortes abgesehen – keine Konsequenzen. Allerdings gibt es verunsicherte Rückfragen aus der Setzerei und nach dem Andruck auch aus der Druckerei sowie eines von dort alarmierten MfS-Mitarbeiters, der sich beim Chefredakteur daheim vergewissern will, daß hier kein Sabotagakt vorliegt.

Rüge vom Politbüro

In der wöchentlichen Sitzung des Politbüros des ZK der SED steht am 28. Februar 1989 unter Tagesordnungspunkt 19 die Junge Welt zur Debatte. Es geht um einen Beitrag auf der seit mehr als drei Jahrzehnten wöchentlich erscheinenden Antwortseite. Der hier beanstandete Artikel vom 23. Februar hatte die Entwicklung der sowjetisch-chinesischen Beziehungen zum Thema und mit seiner korrekten Darstellung der (aggressiven) Politik der Volksrepublik China in den 60er und 70er Jahren Proteste der chinesischen Regierung ausgelöst. Die hatte deshalb sogar den DDR-Botschafter in Peking ins Außenministerium einbestellt. Das Politbüro-Protokoll vom 28. Februar hält fest: »Genosse E. Krenz (der seinerzeit für Jugend zuständige ZK-Sekretär) wird beauftragt, den Zentralrat der FDJ über den entstandenen politischen Schaden zu informieren. Dem Chefredakteur der Jungen Welt ist ein Verweis auszusprechen. Der verantwortliche Redakteur ist notwendigenfalls zu entlassen.« Der Chefredakteur kommt, offenbar nach Absprache mit Krenz, allerdings mit FDJ-Chef Eberhard Aurich überein, den Autor, einen parteilosen Redakteur, völlig aus dem Spiel zu lassen.

»… Zorn zu entladen«

»Der Zukunft zugewandt« – so überschreibt die Junge Welt ihre nach dem 40. Jahrestag der DDR am 9. Oktober 1989 erscheinende Titelseite. Der tiefere Sinn hinter dieser der Nationalhymne entlehnten Zeile steckt in einem offenen Brief von Hermann Kant, in dem sich der Präsident des DDR-Schriftstellerverbandes, selbst Mitglied des ZK der SED, via Jugendzeitung seinen Frust über die aktuellen Zustände im Lande von der Seele schreibt. »Ich schrieb den Artikel für die Junge Welt am 1.10. und bekam am 8.10. Bescheid, er werde am nächsten Morgen im Blatte stehen«, verrät Kant ein Jahr später der Zeitung. »Es handelte sich um zwei Sonntage, zwischen denen soviel von der DDR verschwand, daß sich der Rest dann nicht mehr halten konnte. (…) Auf seine Veröffentlichung hatte ich nicht sehr ernsthaft gezählt. Er schien ein Mittel, lang gestauten Zorn zu entladen. Es war der Versuch, in einer Situation etwas zu unternehmen, da die politische Führung wie ein vom Schlagfluß Getroffener überm Lenkrad hing. Ich schrieb den Brief und gab ihn der Redaktion, weil ich – tatsächlich, nichts Geringeres als das – eine Sitzung des Zentralkomitees erzwingen wollte.« An einer solchen Sitzung sei jedoch der Generalsekretär ganz und gar nicht interessiert gewesen. »Als ich das endlich begriffen hatte, verfiel ich auf einen Plan, der mir heute recht albern vorkommt. Ich gebe der Jungen Welt einen Brief mit undruckbarem Inhalt (undruckbar nach deren Normen jedenfalls) und verlange energisch den Abdruck. Der Chefredakteur läuft mit meinem Schreiben zu seiner Obrigkeit, die höchstwahrscheinlich immer noch Egon heißt. Dieser obere Egon kann nun das unerhörte Schriftstück seinen übergeordneten Erichs vorlegen (welche Miene er dabei aufsetzt, ist ganz seine Sache). Zur Sprache kommen dürfte aber, daß das ZK-Mitglied K. nicht der einzige mit solchen Unklarheiten sei, und ob es nicht doch an der Zeit für eine Sitzung … So meine einfache oder naive Vorstellung von dem, was sich mit einem sehr offenen offenen Brief an die Junge Welt erreichen lasse – eine Vorstellung, an der mich besonders verblüfft, daß sie recht zutreffend war …«

Asyl für Lenin

Unter dieser Überschrift veröffentlicht die Junge Welt am 9. November 1991 ein von ihr an den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Eberhard Diepgen (CDU), gerichtetes Schreiben mit der Bitte um die Überlassung des Lenin-Denkmals in Berlin. Der Abbau des inklusive Sockel 26 Meter hohen Monuments hatte am Vortag begonnen; geplant war, das in 125 Einzelteile zerlegte Werk des sowjetischen Bildhauers Nikolai Tomski in einer Kiesgrube außerhalb Berlins zu entsorgen. »Durch die günstige Lage des Redaktions- und Druckereigeländes am Treptower Park«, so heißt es in dem Schreiben weiter, »wäre es jederzeit öffentlich zugänglich.« Die umgehende Ablehnung dieses Vorschlags dürfte allerdings nicht mit dem angebotenen und damals für DDR-Hinterlassenschaften durchaus nicht unüblichen Kaufpreis von einer D-Mark zu erklären gewesen sein.

Post vom Kanzler(amt)

In einem Schreiben vom 29. April 1993 erteilt das Bundeskanzleramt der Redaktion eine Absage. Sie hatte Kanzler Helmut Kohl in einem Brief vom 20.April davon in Kenntnis gesetzt, daß eine JW-Leserin dem Regierungschef ein Freiabonnement der Jungen Welt zukommen lassen möchte. »Da der Bundeskanzler«, so heißt es in der von einem Dr. Ackermann unterzeichneten Antwort aus Bonn, »täglich mit einer Fülle von Informationsmaterial ausgestattet wird, ist er leider nicht in der Lage, das ihm angebotene Exemplar wirklich zu nutzen. Ich möchte Sie daher bitten, die Sendung des Freiexemplars wieder einzustellen.« Da ist der Verfassungsschutz besser »ausgestattet«. Das Bundesamt in Wiesbaden hatte die Zeitung aus dem Osten von sich aus schon 1991 abonniert; das Bundeskriminalamt zog im April 1994 nach.

Zielgruppendilemma

»Eine ganz neue Art Tageszeitung« schwebte konkret-Herausgeber Hermann L. Gremliza vor, als er Anfang 1994 vom Azzurro-Medienverlag, der inzwischen die Junge Welt herausgibt, mit der Ausarbeitung eines inhaltlichen Konzepts beauftragt wird, um den Leserschwund der bis dahin als »ostdeutsche Tageszeitung« agierenden und seit 1993 auch so im Untertitel ausgewiesenen JW zu stoppen. »Die Zielgruppe bin ich«, soll er gesagt haben. Und damit das funktioniert, hat er auch die seine Vorstellung bedienenden »Blattmacher« mit der rechten (west-)linken Gesinnung nach Berlin entsandt. Elf Monate später ist »die spannendste journalistische Innovation der letzten Jahre« (HLG) am Ende. Die nun mit einem kleinen j geschriebene junge Welt hatte einen Abo-Rückgang von 27865 auf 17405 (nach einem Rückgang von 63000 auf 28000 in anderthalb Jahren zuvor) zu verbuchen. Während die Bürgerpresse genüßlich den Konkurs kommentiert, schlußfolgert Gremliza lapidar: »Entweder gibt es eine zahlenmäßig nennenswerte Linke nicht mehr, oder sie zieht das Klagen über miese Verhältnisse dem Handeln zu deren Veränderung vor. … Keiner kann gezwungen werden, eine Zeitung für Leute zu machen, die es nicht gibt oder die keine wollen.« So sah denn auch die Konkurs-Ausgabe vom 6. April 1995 aus: Das Ätsch gab’s schon auf der Titelseite: »Kein Abo unter dieser Nummer.« Oder sehr selbstgerecht auch im Innenteil: »Jede Zeit braucht ihre Zeitung, uns hat sie eben nicht verdient.«

Engagierte Solidarität

Als am 31. August 1996 der in DDR-Zeiten hochfrequentierte Solidaritätsbasar der Berliner Journalisten Wiederauferstehung feiert, gehört die junge Welt zu den Initiatoren und Mitorganisatoren. Auch wenn der Andrang nicht mehr mit dem früherer Zeiten vergleichbar ist, so widerlegen auf dem Berliner Alexanderplatz doch Zehntausende Besucher alle vorab geäußerten Befürchtungen, daß im Gegensatz zur DDR Solidarität in der Marktwirtschaft keine Konjunktur mehr haben würde. Der alljährliche Solibasar, dessen Erlös einem konkreten Projekt in der sogenannten dritten Welt zugute kommt – 1996 ist es der Aufbau eines Ärztehauses in Pinar del Rio (Kuba) – hat seitdem wieder einen festen Platz im Veranstaltungskalender der Hauptstadt.

Kurzerhand beschlagnahmt

Eine Ankündigung der besonderen Art macht neugierig auf die Zeitung vom 31. Januar 1997: »Heute exklusiv in der jungen Welt: zwei Seiten, gestaltet von der Bundesanwaltschaft«. Am Vortag hatte die Redaktion – zum wiederholten Mal in den letzten Jahren – unangemeldeten Besuch vom Staatsschutz. Die vom Bundesgerichtshof (BGH) geschickten Herren waren auf der Suche nach »Beweismitteln, insbesondere der Druckschrift radikal, sonstigen schriftlichen Unterlagen, Personalcomputern und Computerdisketten, (…) die für die weitere Untersuchung bedeutsam sind«, wie es im Durchsuchungsbeschluß heißt. Dazu wird – bis dahin einmalig in der Justizgeschichte der BRD – ein kompletter Computer nebst verdächtigen Disketten konfisziert, Material für die aktuelle Ausgabe der jW inklusive. Die erscheint tags darauf prompt mit anderthalb leeren Zeitungsseiten.

Krisenmanagement

Zwischen dem 24. Mai und 17. Juni 1997 kehrt die junge Welt, seit dem Konkurs 1995 vom Mitarbeiterverlag 8. Mai GmbH herausgegeben, gezwungenermaßen mit zunächst reduziertem Umfang und zudem ohne Zugang zum rechnergestützten Redaktionssystem vorübergehend zu ihrem Gründungslogo aus dem Jahr 1947 zurück. Hintergrund ist die Besetzung der Redaktionsräume durch einen Teil der – zumeist aus dem Westen gekommenen – Mitarbeiter. Diese wollten die Zeitung auf eine politische Linie festlegen, die heute etwa bei den sogenannten Antideutschen zu besichtigen ist. Deshalb wird von ihnen eine verlegerische Entscheidung über eine auflagensichernde Zeitungslinie boykottiert und versucht, mit einem »Streik« – bis hin zur Blockade der Auslieferung – ein weiteres Erscheinen der Zeitung zu verhindern. Ihre erstaunlich schnell verbreitete und von zahllosen Verleumdungen begleitete Anti-jW-Neugründung läßt jedoch schon damals den Verdacht eines längerfristig geplanten Coups aufkommen; immerhin geisterte der Wochenzeitungstitel bereits Wochen vorher in den jW-Redaktionscomputern herum. Die erste Ausgabe dieser Jungle World erscheint dann übrigens als Beilage sowohl im Neuen Deutschland als auch in der taz.

Mühsam-Preis

Die in Lübeck angesiedelte Erich-Mühsam-Gesellschaft verleiht am 11.Mai 2003 der jungen Welt ihren nach dem Anarchisten benannten Preis. »Sie läßt Menschen schreiben, die anderswo schweigen müssen«, hebt der Hamburger Publizist Otto Köhler in seiner Laudatio mit Blick auf den in der Todeszelle sitzenden US-Bürgerrechtsaktivisten Mumia Abu-Jamal einleitend hervor. Der jW-Kolumnist war zwei Jahre zuvor mit dem Preis geehrt worden. »Das Projekt der Vernetzung, das die junge Welt seit einiger Zeit konsequent betreibt, gibt ihr ein Fundament in der demokratischen Gesellschaft. … Alles, was sich wehrt in diesem Land gegen die Vernichtung des Sozialstaats, gegen die Privatisierung der Lebensrisiken, gegen die Militarisierung der deutschen Außenpolitik, kurz gegen einen neuen – oder alten – deutschen Imperialismus, findet einen Koordinationspunkt in der jungen Welt. Sie nimmt – das ist ihr Angebot an uns – in den Kriegen nach außen und nach innen Partei.« Sie sei nach 1990 »ihrer Enteignung, ihrer Vernichtung nur darum entgangen, weil man sie nicht ernst nahm. Weil sie sich nach kapitalistischen Maßstäben nicht rechnete … Die junge Welt überlebte, weil man sich – zu Recht – nichts von ihr versprechen konnte.«

Hausverbot

Schauplatz Buchmesse Leipzig, März 2004: Am Stand der Bundeswehr, die zwar auf einer Buchmesse nichts zu suchen hat und dennoch seit Jahren größter Einzelaussteller der Leipziger Traditionsmesse ist, kommt es zu einer Protest­aktion von Verlegern, Autoren, Buchhändlern und Messebesuchern. Der Geschäftsführer der Messe GmbH alarmiert Polizei und Feldjäger, um die »Aktion der jungen Welt« zu unterbinden. Das geschieht denn auch mit massiver Gewalt. Als Sprecher der Gruppe wird der Geschäftsführer des Verlages 8. Mai, in dem die junge Welt erscheint, von Polizisten zu Boden geworfen (Foto), an Händen und Füßen gefesselt und aus der Ausstellungshalle geschleppt. Gegen ihn ergeht Strafbefehl wegen Körperverletzung sowie Widerstand gegen Vollzugsbeamte. Ein halbes Jahr später führt die Hauptverhandlung vor dem Leipziger Amtsgericht gegen eine Geldbuße von 600 Euro zur Einstellung des Verfahrens. Das ficht die Messe GmbH nicht an: Sie spricht ein generelles Hausverbot aus, das auch noch für das folgende Jahr gilt. Seit den Protesten verzichtet die Bundeswehr allerdings wie in Frankfurt am Main auf eine Messepräsenz in Leipzig.

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Wie die junge Welt von Staats wegen gesehen wird:

»Drecksblatt«
(Bayerns Innenminister Günther Beckstein (CSU)
»Linksextremistische Zeitschrift«
(Verfassungsschutz)
»Übriggebliebenes Blättchen aus der DDR«, »mediales Sprachrohr der alten Stasi-Obristen«
(Marianne Birthler, Bundesbeauftragte für die Unterlagen des MfS)
»Sammelbecken früherer DDR-Agenten und Verschwörungstheoretiker – mit engem Draht zur Linksfraktion«
(Der Spiegel)
»linksorthodox«
(FAZ)
»Volkskommunistische Traditionszeitung«, »Kampfpostille der ultralinken PDS-Fraktion«, »Organ restkommunistischen Bewußtseins«
(taz)
»Altstalinistenblatt«
(Berliner Zeitung)
»Zentralorgan unbelehrbarer DDR-Nostalgiker«, »Zentralorgan für Geschichtsklitterung«
(Hubertus Knabe, Historiker, Leiter der »MfS-Gedenkstätte« in Berlin-Hohenschönhausen)

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Gefahr von links

»Staatsgefährdender Nachrichtendienst«: 1961 in Dortmund verurteilt, nach dem Anschluß der DDR im Visier des Verfassungsschutzes

von Daniel Christ

Unseren Autor (Jahrgang 1973) gibt es wirklich, allerdings nicht unter diesem Namen. Ein Fall für den Staatsschutz?

So hätten die hier abgebildeten Herren es gern: Durchsuchung der jW-Redaktion im Mai 1996 [Foto: jW-Archiv]

Im 2006 vorgelegten Verfassungsschutzbericht für das Jahr 2005 wird die Tageszeitung junge Welt im entsprechenden Kapitel als »bedeutendes Druckerzeugnis im linksextremistischen Bereich« herausgehoben. Wie bereits im Vorjahresbericht wird konstatiert: »Einzelne Redaktionsmitglieder und ein großer Teil der Stamm- und Gastautoren sind dem linksextremistischen Spektrum zuzuordnen. (…) Die Zeitung pflegt eine traditionskommunistische Ausrichtung und propagiert die Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft.« Ihre Beiträge würden »streng ideologischer, antikapitalistischer Ausrichtung« folgen.

In früheren Berichten des Kölner Bundesamtes, so aus den späten neunziger Jahren, werden weitere Vergehen des »auflagenstärksten und aufwendigsten organisationsunabhängigen Blatts« aufgelistet: »Mit Blick auf die mehrheitlich ostdeutsche Leserschaft« werde auf »eine deutliche DDR-Nostalgie« orien­tiert. »Das Spektrum der Redakteure und Autoren spannt sich von Anhängern der DKP und der KPF der PDS über frühere Unterstützer deutscher linksterroristischer Organisationen bis hin zu ehemaligen Inoffiziellen Mitarbeitern des ›Ministeriums für Staatssicherheit‹ (MfS) und ›Kundschaftern des Friedens‹ der ehemaligen DDR.«

Alte Feindbilder sind zählebig, und solcherart Feindbildpflege hat Tradition im Rechtsstaat Bundesrepublik. Beim Blättern in alten JW-Bänden findet sich diesbezüglich so einiges. Zum Beispiel der fünf Jahrzehnte zurückliegende »Fall Klaus Haupt«. Der damals 26jährige Redakteur der FDJ-Tageszeitung war von seiner Redaktion im Mai 1956 als Berichterstatter zu einem Prozeß gegen Gerhard Deumlich, einen jungen westdeutschen Patrioten und Aufrüstungsgegner, nach Dortmund geschickt worden. Doch schon am ersten Verhandlungstag – es war der 25. Mai – wurde er im dortigen Landgericht trotz Presseausweis und Akkreditierung festgenommen, im Polizeipräsidium der Stadt stundenlang verhört und schließlich ins Untersuchungsgefängnis überführt. Als FDJ-Mitglied aus der DDR fiel er unter Paragraph 129a (Fortsetzung einer verbotenen Vereinigung); die FDJ war im Westen 1951 verboten worden. Im Ablehnungsbescheid einer Haftbeschwerde war zudem von »Staatsgefährdung« die Rede. Erst sieben Wochen später, am 17. Juli, mußte Haupt unter dem Druck einer breiten Protestbewegung selbst in der BRD und im Ausland freigelassen werden.

Zwei Jahre später mußte die Zeitung erneut melden: »JW-Korrespondent in Dortmund verhaftet!« Ihr Redakteur Wolfgang Baumgart war trotz der Genehmigung der zuständigen BRD-Instanz, über einen ebenfalls mit dem FDJ-Verbot von 1951 begründeten Prozeß gegen den Vorsitzenden des Deutschen Jugendringes Wolfgang Schoor berichten zu dürfen, direkt im Gerichtssaal festgenommen worden. Weil er sich als ausgewiesener Pressevertreter Notizen gemacht hatte, galt Paragraph 92: »staatsgefährender Nachrichtendienst«. Baumgart mußte nach seiner Verhaftung am 13. Juni 1958 bereits nach zwei Wochen auf freien Fuß gesetzt werden. Zuvor allerdings war Anklage erhoben worden: wegen »Rädelsführerschaft in Untergrundvereinen mit verfassungsfeindlichem Charakter«, »Verunglimpfung von Staatsorganen« sowie Verfassen »staatsgefährender Schriften«. Um letztere zu beweisen, hatte die Staatsanwaltschaft sogar einige von Baumgarts JW-Artikeln herangezogen.

Beide Fälle stehen exemplarisch für mehrere andere; einen zusätzlichen Höhepunkt setzte das Dortmunder Gericht schließlich im 14. März 1961, als es in einem weiteren Verfahren gleich die gesamte JW-Redaktion, natürlich in Abwesenheit, aufgrund ihrer Berichterstattung aus der Bundesrepublik pauschal verurteilte – wegen »staatsgefährdendem Nachrichtendienst«. »Dabei ist nicht erforderlich, daß sich die Nachrichten auf Staatsgeheimnisse oder sonstige geheimzuhaltende Sachverhalte beziehen, tatsbestandsmäßig ist vielmehr auch das Sammeln solcher Nachrichten, die offenkundig oder allgemein zugänglich sind«, hieß es in der Antragsschrift.

Ohne hier nun gleich in Spekulationen zu verfallen und Verschwörungstheo­rien aufzustellen: Daß die aktuellen Erkenntnisse des Verfassungsschutzes wie die Schikanen, denen die junge Welt seit Jahren ausgesetzt ist, mit jenem Verdikt von 1961 in Zusammenhang stehen, ist eher unwahrscheinlich, aber auch nicht auszuschließen. Die von der Bundesanwaltschaft angeordneten, zum Teil sehr rüde geführten Durchsuchungsaktionen in der Redaktion – 1994, 1995 (»Stasi stürmte junge Welt«), 1996, 1997, 1999 ff. – sind den jWlern noch in bester, genauer: schlechter Erinnerung. Ebenso die Versuche, die linke Stimme per Gericht mit einstweiligen Verfügungen oder angedrohten Bußgeldern zum Schweigen zu bringen, wären da zu nennen. Und wo das nicht zu funktionieren droht, werden Maulkörbe ausgegeben. Wie zuletzt im Dezember 2006 im Falle eines Beamten aus dem Bundeskriminalamt, der kritische Berichte auf dem Gerichtswege unterbinden wollte und wenigstens das Verbot bewirken konnte, daß der Zeitung die Berichterstattung über diesen Rechtsstreit einstweilig untersagt wurde. Die vor fünf Jahrzehnten verhinderten JW-Berichte lassen grüßen.

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NÖSLP – das Erfolgsgeheimnis der jungen Welt

Als der Konkret-Herausgeber Hermann L. Gremliza 1997 um einen Geburtstagsgruß zum Fünfzigsten der jungen Welt gebeten wurde, bemerkte er: »Die Geburt der jungen Welt datiere ich auf das Jahr 1995 und die Einführung des Neuen Ökonomischen Systems Linker Publizistik (NÖSLP), dessen Erfolgsgeheimnis in der Selbstausbeutung der Produzenten besteht. Der Geburtstag, zu dem ich der jungen Welt herzlich gratuliere, ist also ihr zweiter.« Natürlich lag der Hamburger Publizist da nicht völlig daneben. Ohne das NÖSLP gäbe es die junge Welt heute nicht mehr. Aber das wirklich tolle System hätte nichts gebracht, wenn es die von Gremliza demonstrativ ignorierte Geschichte der Zeitung nicht gegeben hätte: Ohne das Erbe von Honecker bis Gremliza hätten wir weder den 50. noch den 60. feiern können. Das NÖSLP erfanden wir damals in der edlen Absicht, dieses Erbe zu bewahren – und weiterzuentwickeln. Eine zentrale Größe im System ist tatsächlich bis heute die Selbstausbeutung der Belegschaft, aber eben nur eine. Ein System, das nur auf niedrige Gehälter setzt, wäre weder neu, noch einmalig, noch erfolgreich, wie das andere Blätter im bürgerlichen Mediendschungel bewiesen haben und beweisen. Eine weitere zentrale Determinante ignoriert Gremliza wie schon den geschichtlichen Aspekt: Den Beitrag der Leserinnen und Leser dieser Zeitung und der Art und Weise, wie die junge Welt es schafft, diese in die Zukunft (und damit auch in die Geschichte) des Produktes einzubeziehen. Legendär die Zahl und die Art der Aktionen: Da wurden Päckchen nach drüben gepackt – jW-Probeabos, um den Mangel an guten Zeitungen drüben im Westen etwas zu mildern. Da schimpfte ein Kriminalbeamter nach einer Hausdurchsuchung bei der jungen Welt: »Hoffentlich seid ihr bald Pleite«. Daraus wurde ein schönes Plakat, eine prima Aktion und auf die Schnelle 1000 Abos. Da gab es Kampagnen, in denen Richter ihre letzte Robe, Theofilo Stevenson seine Boxhandschuhe, Dietrich Kittner die legendäre Mütze und Gabi Seifert ihre Schlittschuhe für Aboaktivisten spendierten. Leserinnen und Leser organisierten Tausende von Probeabos, füllten in Krisenzeiten diverse Fonds und gründeten sozusagen eine eigene Bank für die junge Welt, die Genossenschaft. Und tatsächlich gelang es, den Aboverfall zu stoppen. Seit zwei Jahren verbucht die junge Welt erstmals seit 1990 wieder Zuwächse. Aber trotz Geschichte, trotz Selbstausbeutung und aktiver Leserbeteiligung: Die entscheidende Größe im NÖSLP ist das Produkt junge Welt selbst, ihr realer Gebrauchswert. Diese Zeitung liefert nicht nur Information, Analyse, Meinung und Diskussion: Mit ihr kann man Netzwerke bilden, Horizonte erweitern, sogar Hämmer schmieden, um damit überkommene Systeme zu zerschlagen. Behauptet die junge Welt zumindest in ihrer aktuellen Aktion, die das ganze Jahr 2007 andauert und mit der aus Anlaß ihres 60. Ersterscheinungstages 60 x 60, also 3600 Abonnements gewonnen werden sollen. Dazu zählen nicht nur Internet- und Printabos, sondern auch Umsteiger auf eine höhere Abopreisklasse. Warum wir Ihnen dies alles so ausführlich darstellen? Am Schluß dieser 16 Seiten über dieses Stück linker Gegenkultur laden wir Sie herzlich ein, sich ebenfalls zu beteiligen: Mit einem Abonnement oder als Mitglied in der Genossenschaft. Oder beidem. Wir haben das nötig, Sie aber auch.

Verlag, Redaktion, Genossenschaft

– letzterem schließe ich mich an! Andreas Grünwald

Quelle für alle Beiträge: Sonderbeilage der Jungen Welt am 13.01.07