Ärzteorganisation Marburger Bund macht ver.di in Krankenhäusern Konkurrenz
Ver.di ist in Schwierigkeiten. Zwar hat die Dienstleistungsgewerkschaft in den Arbeitskämpfen der vergangenen Wochen rund 25000 neue Mitglieder gewonnen, bei den in den Kommunen erzielten Tarifabschlüssen handelt es sich aber allenfalls um Schadensbegrenzung. Und für die seit mehr als elf Wochen streikenden Landesbediensteten ist weiterhin keine Lösung in Sicht. In kommunalen Krankenhäusern und Unikliniken kommt nun noch die Konkurrenz der Ärzteorganisation Marburger Bund ( MB ) hinzu, die separate Tarifverträge für die Krankenhausmediziner abschließen will. An der Berliner Charité ist dies nun erstmals gelungen (jW berichtete). Anderswo mobilisiert die Standesorganisation weiterhin für die Anhebung der Grundvergütung um satte 30 Prozent, die vollständige Bezahlung von Überstunden und eine Anerkennung der Bereitschaftsdienste als normale Arbeitszeit.
Doch eine 30prozentige Gehaltserhöhung liegt nicht nur für die Klinikleitungen, sondern auch für die Dienstleistungsgewerkschaft »völlig außerhalb der Realität«, wie ver.di-Chef Frank Bsirkse nun schon mehrfach betonte. Die Gewerkschaft befürchtet, daß Verbesserungen bei den Ärzten zu weiteren Kürzungen beim restlichen Personal führen könnten. Die Arbeitgeber rechnen vor, daß die Umsetzung der MB-Forderungen für alle 146000 deutschen Klinikärzte Mehrkosten von etwa 2,5 Milliarden Euro zur Folge hätte. Doch das tangiert den Marburger Bund nicht, der sich für die Anhebung von Beitragssätzen zur Krankenversicherung ausspricht. Die vom MB organisierten Arbeitsniederlegungen an Unikliniken und kommunalen Krankenhäusern zeigen derweil Wirkung. So mußte die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) kürzlich einräumen, daß jeder Streiktag pro Klinik zu Verlusten von bis 500000 Euro führt.
Daß Gehaltserhöhungen von 30 Prozent am Ende nicht drin sind, weiß auch MB-Chef Frank-Ulrich Montgomery, der die Forderung hier und da denn auch als Provokation bezeichnete, mit der auf den »jahrelangen Gehaltsabbau« hingewiesen werden solle. Ohne saftige Einkommenserhöhungen und bessere Arbeitsbedingungen insbesondere für junge Assistenzärzte, will Montgomery aber nicht aus dem Tarifstreit gehen. Gesonderte Ärztetarife seien auch deshalb notwendig, weil sich die Situation eines Arztes eben nicht mit der »eines Friedhofgärtners« vergleichen lasse. Solcherlei Aussagen wiederum erzürnen ver.di, deren Hamburger Landeschef Wolfgang Rose ein »Zurück zum alten hierarchischen System mit den Halbgöttern in Weiß« gegenüber junge Welt strikt ablehnt. Auch das pflegerische und technische Personal gehöre zu den »Leistungsträgern« eines großen Teams in den Krankenhäusern. Rose sagt voraus, daß die Umsetzung der MB-Forderung zur »Spreizung der Löhne nicht nur nach oben, sondern auch nach unten« führen werde. Mit dieser Argumentation habe ver.di die Sparvorgaben der Politik ja bereits anerkannt, kontert der Marburger Bund. Die Ärzteorganisation kritisiert den von ver.di Ende 2004 geschlossenen Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVÖD), weil damit »dringend nötige Einkommenszuwächse« behindert würden. Aus den Verhandlungen zum TVÖD war der Marburger Bund erst kurz vor dessen Abschluß ausgestiegen.
Der Konfrontationskurs des MB kommt vor allem bei jüngeren Ärzten gut an, von denen in den letzten Monaten mehr als 15000 in die Organisation eingetreten sind. Insgesamt hat sich die Zahl der MB-Mitglieder sogar um etwa 25 000 auf nunmehr über 100000 erhöht. Ob und wie viele Übertritte es dabei auch von ver.di gab, haben aber weder der Marburger Bund noch die Gewerkschaft registriert.
http://www.jungewelt.de/beilage/art/1100
