In Hamburg werden Erwerbslose zum Bestandteil einer Bühnenshow gemacht. Öffentlich sollen sie sich Ein-Euro-Jobs aussuchen
Der gewerkschaftliche Erwerbslosenrat in Hamburg hat am Mittwoch nachmittag mit einer Aktion gegen die Zurschaustellung von Erwerbslosen auf öffentlichen Marktplätzen protestiert. Der moderne Sklavenmarkt, Job-Karawane genannt, wird in der Hansestadt seit Wochen durch die örtliche ARGE, die die Umsetzung der Hartz-IV-Gesetze organisiert, durchgeführt. Bezieher des Arbeitslosengeldes II (ALG II) werden von der ARGE schriftlich aufgefordert, sich an der Aktion zu beteiligen. In aller Öffentlichkeit sollen sie sich auf Angebote von Zeitarbeitsfirmen auf Ein-Euro-Jobs einlassen. Auch der Austausch von persönlichen Daten und Bewerbungsunterlagen erfolgt mitten im Einkaufsgewühl. Zum Programm dieser ganztägigen Veranstaltungen, die mit Vorliebe in Flanier- und Konsummeilen großer Einkaufszentren stattfinden, gehören auch Bühnenvorstellungen, auf denen sich die Erwerbslosen dann zur Belustigung des Publikums durch professionelle Animateure bearbeiten lassen müssen.
Als eine »entwürdigende und sinnlose Showveranstaltung« kritisierte der linke Bundestagsabgeordnete Herbert Schui (WASG) die Aktion. Er hatte sich zuvor bereits Veranstaltungen der Job-Karawane im Nobelstadtteil Poppenbüttel angesehen. Anfang Mai wechselt der Job-Circus von dort in das ebenso noble Elbe-Einkaufszentrum in Groß Flottbek. Schui kritisierte nicht nur die »öffentliche Bloßstellung von Erwerblosen«, sondern auch die Qualität der »Jobangebote«, die fast ausnahmslos ein wirkliches Auskommen nicht sichern würden.
Darauf verwies auch Wolfgang Joithe, Sprecher der Linkspartei-Arbeitsgemeinschaft »Arbeit und Armut in Hamburg«, der während der Protestaktion am Mittwoch Arbeits-Lose verteilte, um darauf hinzuweisen, daß die Karawane reale Stellenvermittlung nur suggeriere. Gegenüber junge Welt verwies er in diesem Zusammenhang auf aktuelle »Job-Highlights« der Karawane wie etwa das Angebot einer Zeitarbeitsfirma, die einen »Kofferträger auf 400-Euro-Basis« suchte, oder das Angebot eines Ein-Euro-Job-Trägers, der Erwerbslose möglichst »45 plus« für das »Tragen von Einkaufstüten bis zur Wohnungstür« ködern wollte. Mitglieder des Erwerbslosenrats forderten daraufhin den sofortigen Abbruch der Veranstaltung, weil diese die Erwerblosen, und noch dazu öffentlich, verhöhne.
Wirtschaftssenator Gunnar Uldall (CDU) läßt diese Kritik kalt. Er sieht in der Karawane-Veranstaltung eine »innovative Aktion« der ihm unterstellten Behörde, der er ausdrücklich für die Bemühungen dankte. In einem schriftlichen Grußwort, das an Passanten verteilt wurde, tut der Senator so, als ginge es nicht um prekäre Billigarbeitsplätze, sondern um sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze im aufblühenden Logistikbereich der Stadt. So dürfte die Show sowohl in Poppenbüttel als auch demnächst in Groß Flottbek ihre Wirkung nicht verfehlen. Beide Stadtteile gehören zum wohlhabenden Speckgürtel im äußersten Nordosten und Westen der Stadt, in denen es zwar kaum Erwerbslose gibt, doch dafür umso mehr Wähler der CDU. Denen will Uldalls Behörde wohl auch demonstrieren, wie aktiv sie Müßiggang bei Erwerbslosen bekämpft, in dem man diese »fördert«, vor allem aber »fordert«.
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