{"id":845185,"date":"2006-04-20T11:30:31","date_gmt":"2006-04-20T11:30:31","guid":{"rendered":"http:\/\/andreas-gruenwald.de\/alte-webseite\/2006\/04\/20\/die_nicht_durch_die_fenster_krabbeln_neu845185\/"},"modified":"2006-04-20T11:30:31","modified_gmt":"2006-04-20T11:30:31","slug":"die_nicht_durch_die_fenster_krabbeln_neu845185","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/andreas-gruenwald.de\/alte-webseite\/2006\/04\/20\/die_nicht_durch_die_fenster_krabbeln_neu845185\/","title":{"rendered":"Die nicht durch die Fenster krabbeln \/\/ Neues Deutschland"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00bbPhantomstreik\u00ab \u0096 die L\u00e4nderbesch\u00e4ftigten wollen Ende des Monats ein Ende finden. Ohne aber eine Niederlage eingestehen zu m\u00fcssen<\/strong><\/p>\n<p>Am Dienstag nach Ostern hatte Hamburgs ver.di-Streikleiterin Sieglinde Friess deutlich weniger zu tun als sonst in diesem nun \u00bbl\u00e4ngsten Arbeitskampf im \u00f6ffentlichen Dienst seit 80 Jahren\u00ab. Der DGB hatte zur \u00bbDemo der Solidarit\u00e4t\u00ab mit den Landesbediensteten aufgerufen, der sich die Streikenden dann einfach anschlossen. So zogen bei str\u00f6mendem Regen fast 2000 Demonstranten durch die Innenstadt. Vorneweg die 600 Streikenden, dann gr\u00f6\u00dfere Gruppen aus der IG BCE, von ver.di, Transnet und der GEW, gefolgt von einem starken Block der Wahlalternative (WASG), die damit ebenfalls den Streikenden Mut machen und zeigen wollten, dass sie nicht alleine sind.<\/p>\n<p>Solchen Mut gewinnen die Streikenden sonst vor allem in den Streikversammlungen, die meist schon morgens ab acht im Gewerkschaftshaus stattfinden. Hier liegen nicht nur die Streiklisten aus, in die man sich eintragen muss, um das Streikgeld zu erhalten. Auch Aktionen werden hier geplant, die dann vor einzelnen Beh\u00f6rden stattfinden. Mut schafft auch das Begr\u00fc\u00dfungsritual, bei dem Siggi Friess gleich zu Beginn die \u00c4mter aufruft, in denen noch immer oder schon wieder gestreikt wird. Auch das soll sagen: Ihr seid nicht allein in diesem Arbeitskampf, der an Leib und Nerven zerrt, wenn es hinausgeht auf die Stra\u00dfe, bislang nicht selten begleitet von Dauerregen oder eisiger K\u00e4lte.<br \/>\nSo scheint das Hamburger Streikaktiv, rund 500 bis 1000 Gewerkschafter, auch in der zehnten Woche noch sehr entschlossen. Doch k\u00f6nnte gerade dies jetzt auch zum Problem werden, wenn die Gewerkschaftsspitze bis Monatsende mit der Tarifgemeinschaft der L\u00e4nder (TdL) einen Kompromiss aushandeln will. Die Basis daf\u00fcr scheint br\u00fcchig: Viele der rund 8000 Gewerkschaftsmitglieder unter den insgesamt 35 000 Landesbediensteten im Hamburger Stadtstaat haben sich eben nicht beteiligt. Gr\u00f6\u00dfere Schlagkraft hatte die Gewerkschaft bei den Kommunalbesch\u00e4ftigten, doch f\u00fcr diese liegen Abschl\u00fcsse ja schon vor, w\u00e4hrend die Landesbediensteten nun manchmal wie abgeh\u00e4ngt wirken. Wie kann so aber noch ein tragf\u00e4higes Ergebnis erreicht werden?<\/p>\n<p><strong>Kommunalabschl\u00fcsse schon wieder gef\u00e4hrdet<\/strong><\/p>\n<p>Einen Abschluss, wie er f\u00fcr die Kommunalbesch\u00e4ftigten in Hamburg und Niedersachsen ausgehandelt wurde \u0096 die Arbeitszeit h\u00e4ngt nun auch davon ab, ob man Kinder hat und wie alt man ist, ob man gut oder eher schlecht verdient \u0096 lehnen die streikenden Landesbediensteten jedenfalls ab. Doch festzustehen scheint ebenso, dass auch der Abschluss f\u00fcr die Kommunen in Baden-W\u00fcrttemberg, wo nun die 39-Stunden-Woche gilt, nur schwer zu \u00fcbertragen ist, denn dagegen steht ein harter Widerstand unionsgef\u00fchrter Landesregierungen. Erst diese Woche hatte TdL-Verhandlungsf\u00fchrer Hartmut M\u00f6llring (CDU) seine Marschrichtung erneut klar festgelegt, als er sagte, dass es f\u00fcr ihn um eine 40-Stunden-Woche geht, w\u00e4hrend man auf die Vorschl\u00e4ge der Gewerkschaft nicht eingehen m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Doch auch M\u00f6llring m\u00fcsste wissen, dass f\u00fcr ver.di ein Abschluss oberhalb der 39 Stunden nicht mehr m\u00f6glich ist, weil dann die Meistbeg\u00fcnstigungsklausel aus dem Tarifvertrag \u00f6ffentliche Dienste (TV\u00f6D) greifen w\u00fcrde, wonach auch die Kommunen und der Bund einen solchen f\u00fcr sie g\u00fcnstigeren Abschluss einfach \u00fcbernehmen k\u00f6nnten. Zwei Szenarien bleiben noch \u00fcbrig: Zun\u00e4chst wird ver.di-Chef Frank Bsirske versuchen m\u00fcssen, doch noch eine \u00bbGestaltungsmehrheit\u00ab in der TdL zu erreichen. Wof\u00fcr er zum Beispiel hoffnungsvoll registrierte, dass sich Hamburgs CDU-B\u00fcrgermeister Ole von Beust bisher gar nicht ablehnend zum Arbeitskampf ge\u00e4u\u00dfert habe. Doch w\u00e4re Bsirske damit wirklich erfolgreich, k\u00f6nnten sich nach Berlin und Hessen weitere Bundesl\u00e4nder, wie etwa Bayern oder Baden-W\u00fcrttemberg, aus dieser Tarifgemeinschaft verabschieden. Der ohnehin schon sehr l\u00f6chrige TV\u00f6D w\u00fcrde dann weiter ausfransen und das Ziel, eine m\u00f6glichst gemeinsame Entgelt- und Arbeitszeitregelung f\u00fcr alle Landesbediensteten durchzusetzen, noch weiter in die Ferne r\u00fccken.<\/p>\n<p>Doch auch das zweite Modell, das in der Gewerkschaft derzeit diskutiert wird, birgt erhebliche Risiken: Dort denkt man inzwischen dar\u00fcber nach, die gegenw\u00e4rtigen Streiks im Sinne eines \u00bbgeordneten R\u00fcckzugs\u00ab auch erst mal wieder einzustellen, um sie dann leicht k\u00f6chelnd bis zur Lohnrunde 2007 zu tragen. Dann k\u00f6nne der Kampf um die Arbeitszeit neu entfacht werden. Doch damit w\u00fcrde sich der tariflose Zustand noch um Monate verl\u00e4ngern. Eine Zeit, die die Arbeitgeber dazu nutzen k\u00f6nnten, weitere Fakten zu schaffen.<\/p>\n<p>Doch so konkret wird diese Frage an der Basis der Hamburger Streikversammlung noch gar nicht diskutiert. Hier geht es in diesen Tagen eher darum, wie man den laufenden Streik \u00bbnoch konsequenter\u00ab f\u00fchren k\u00f6nnte. Anlass bot ein Streikbruch in der Nacht vom Mittwoch auf den Donnerstag. Diesen hatte die Stadtentwicklungsbeh\u00f6rde veranlasst, um eine bestreikte Kanalschleuse \u00f6ffnen zu lassen, vor der verschiedene Schuten festlagen. Doch als der Plan am Mittwoch bekannt wurde, schickte die Streikversammlung gleich 120 Aktive los, die den streikenden Schleusenw\u00e4rtern zur Hilfe kommen sollten. Bis 23 Uhr harrte man dort aus, bevor ver.di-Landeschef Wolfgang Rose alle wieder nach Hause schickte, weil man nicht wisse, was wann und wie genau passiere. Doch schon kurz darauf, mit einsetzender Tide, ging die Schleuse wieder auf.<\/p>\n<p>Es sind solche Verkehrsknotenpunkte, wo der Streik auch in Hamburg einen starken Druck entfalten k\u00f6nnte. Doch die Gewerkschaft wei\u00df ebenso, dass Blockadeaktionen, die \u00fcber das rein Symbolische hinausgehen, sofort den Streit um den Streik eskalieren w\u00fcrden. Eine Woche zuvor zeigte sich das bei einer eher harmlosen Aktion vor dem Bezirksamt in Altona. Dort wollten Streikende zumindest kurzfristig tats\u00e4chlich und nicht nur symbolisch blockieren. Auch der Verwaltungsangestellte Rainer Jansen*), selbst in Altona besch\u00e4ftigt, war bei dieser Aktion dabei und \u00e4rgert sich noch heute, wie etliche Arbeitswillige \u00bbselbst durch die Fenster krabbelten\u00ab, um an ihren Arbeitsplatz zu gelangen. Harte Vorw\u00fcrfe musste sich der Personalrat sp\u00e4ter wegen dieser Aktion anh\u00f6ren \u0096 aus der eigenen Belegschaft.<\/p>\n<p><strong>Sorge vor der Zeit nach dem Streik<\/strong><\/p>\n<p>So bleiben in Hamburg diejenigen, die nicht durch die Fenster krabbeln wollen, bei ganz normalen Streikaktionen. Diese f\u00fchren zwar zu Verz\u00f6gerungen, etwa in der Kfz-Zulassungsstelle oder bei den f\u00fcr Gr\u00fcnfl\u00e4chen zust\u00e4ndigen Bauh\u00f6fen, doch sitzt das Personalamt die Situation einfach aus. B\u00f6se Zungen sprechen bereits von einem \u00bbPhantomstreik\u00ab, den man eigentlich gar nicht bemerkt.<br \/>\nDoch das h\u00e4lt Tilo Bade*) aus dem Bezirksamt Harburg f\u00fcr falsch. Bade ist stolz darauf, jeden Tag mit 30 bis 60 Kollegen am Arbeitskampf teilzunehmen. Doch gefragt, wo denn die anderen 300 Gewerkschaftskollegen alleine aus seinem Amt bleiben, wird auch Bade richtig sauer. Er bef\u00fcrchtet auch \u00c4rger in der Zeit nach dem Arbeitskampf, wenn sich Streikende und Arbeitswillige wieder in ihren Beh\u00f6rden gegen\u00fcberstehen.<\/p>\n<p>Das k\u00f6nnte auch f\u00fcr Werner M\u00fcller*), Verwaltungsangestellter aus Bergedorf, ein Problem werden. Seit nunmehr fast sieben Wochen hat der Mann nun schon keinen Kontakt mehr zu den Kollegen in der eigenen Abteilung. Sozialp\u00e4dagoge Oliver Kain*) aus dem Hamburger Bezirk Mitte nimmt hingegen an, dass auch unter den nicht am Streik Teilnehmenden eine gro\u00dfe Sympathie f\u00fcr den Arbeitskampf bestehe. Doch arbeiten w\u00fcrde auch Kain gern mal wieder, weil viel liegen geblieben ist und ihm seine Arbeit Spa\u00df macht. Doch zuvor m\u00fcsse der Streik erst gewonnen werden und endlich ein Abschluss auf dem Tisch liegen, sagt er, weil sonst ja alles umsonst gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Das sehen Stefanie Kreuz*), Sozialp\u00e4dagogin aus der Sozialbeh\u00f6rde und Gabriele Meinecke*) aus dem Amt f\u00fcr Geoinformation nicht so. Sie haben einen \u00bbpolitischen Streik\u00ab erlebt, in dem es darum gehe, Arbeitgeberwillk\u00fcr auch f\u00fcr die Zukunft auszuschalten. Schon jetzt habe der Streik auch die Arbeit der eigenen Gewerkschaftsgruppen politisiert, weshalb Meinecke statt von einem Abwehrkampf auch lieber vom \u00bbStellungskrieg\u00ab reden m\u00f6chte, an den 2007 in der Lohnrunde wieder anzukn\u00fcpfen w\u00e4re. \u00c4hnlich sieht es auch Kreuz, die dann aber doch hinzuf\u00fcgt, dass es wohl besser gewesen w\u00e4re, auch in den Verwaltungen vor dem Streik Urabstimmungen durchzuf\u00fchren. Die Basis w\u00e4re so breiter gewesen.<\/p>\n<p>*)Namen redaktionell ge\u00e4ndert<\/p>\n<p>http:\/\/www.nd-online.de\/artikel.asp?AID=89101&#038;dc=2&#038;db=Archiv<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bbPhantomstreik\u00ab \u0096 die L\u00e4nderbesch\u00e4ftigten wollen Ende des Monats ein Ende finden. Ohne aber eine Niederlage eingestehen zu m\u00fcssen Am Dienstag nach Ostern hatte Hamburgs ver.di-Streikleiterin Sieglinde Friess deutlich weniger zu tun als sonst in diesem nun \u00bbl\u00e4ngsten Arbeitskampf im \u00f6ffentlichen Dienst seit 80 Jahren\u00ab. 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