{"id":2273777,"date":"2005-01-24T08:59:41","date_gmt":"2005-01-24T08:59:41","guid":{"rendered":"http:\/\/andreas-gruenwald.de\/alte-webseite\/2005\/01\/24\/zuruck_in_der_rstadt_ihrer_jugendl2273777\/"},"modified":"2005-01-24T08:59:41","modified_gmt":"2005-01-24T08:59:41","slug":"zuruck_in_der_rstadt_ihrer_jugendl2273777","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/andreas-gruenwald.de\/alte-webseite\/2005\/01\/24\/zuruck_in_der_rstadt_ihrer_jugendl2273777\/","title":{"rendered":"Zur\u00fcck in der \u00bbStadt ihrer Jugend\u00ab"},"content":{"rendered":"<div align=\"right\"><font size=\"1\">24. Januar 2005<\/font><\/div>\n<p><strong>Ausstellung \u00fcber Zwangsarbeit in Hamburg er\u00f6ffnet<\/p>\n<p>Sie h\u00e4tten sich eine andere Jugend gew\u00fcnscht. Als der Krieg vor\u00fcber war, war jedoch auch sie f\u00fcr die Zwangsarbeiter in Deutschland dahin.<\/strong><\/p>\n<p>Kein anderer Ort atmet hanseatische W\u00fcrde wie der Kaisersaal des Hamburger Rathauses. Gro\u00dfe \u00d6lgem\u00e4lde zeigen die M\u00e4chtigen vergangener Tage. Pr\u00e4chtige Kronleuchter erhellen die Sicht. Hier trug sich j\u00fcngst Pr\u00e4sident Putin ins goldene Buch der Stadt ein. Am Freitagvormittag hatte B\u00fcrgerschaftspr\u00e4sident Berndt R\u00f6der (CDU) aus einem seltenen Anlass zum Empfang geladen: Er\u00f6ffnung der Ausstellung \u00bbIn Hamburg haben wir unsere Jugend gelassen \u0096 Zwangsarbeit von 1940 bis 1945\u00ab. Erschienen war auch Innensenator Udo Nagel (parteilos). Der sei f\u00fcr Abschiebepolitik gegen\u00fcber Fl\u00fcchtlingen zust\u00e4ndig, raunte eine Besucherin im Saal, wo man Angeh\u00f6rige der VVN, des Auschwitz-Komitees und die \u00bbFreunde der Gedenkst\u00e4tte KZ Neuengamme\u00ab sah.<\/p>\n<p>48 Ausstellungstafeln sind im Foyer des Rathauses aufgestellt. Sie zeigen Briefe und Fotos von Zwangsarbeitern. Ernste und \u00e4ngstliche Gesichter sieht der Besucher auf den Fotos. 500000 Menschen haben die Stadt zwischen 1940 und 1945 als \u00bbFremdarbeiter durchlaufen\u00ab. Man erkennt Franzosen, Italiener, Holl\u00e4nder. Vor allem aber Menschen aus Polen und der Sowjetunion. Seit der Entsch\u00e4digungsdebatte ist die Zwangsarbeit wieder in das Ged\u00e4chtnis von mehr Menschen in Deutschland ger\u00fcckt. Wie das Ausbeutungssystem aber funktionierte, wissen, 60 Jahre nach dem Krieg, nur wenige. In der Ausstellungsmitte steht eine gro\u00dfe Stadtkarte. 1500 Punkte sind darauf verzeichnet. Jeder Punkt tr\u00e4gt eine Nummer. Jede Nummer bezeichnet ein Lager.<\/p>\n<p>Im Kaisersaal spricht die 80-j\u00e4hrige Ukrainerin Anna Naliwajko-Guk. 17 Jahre war sie alt, als sie deportiert wurde. Dankbar sei sie nun daf\u00fcr, die \u00bbStadt ihrer Jugend\u00ab zu sehen. So gehe es vielen Teilnehmern des Besuchsprogramms, sagte Katja Hertz-Eichenrode. Sie arbeitet in der KZ-Gedenkst\u00e4tte Neuengamme und organisiert seit 2001 ein Besuchsprogramm f\u00fcr Zwangsarbeiter. Die Menschen seien dankbar, wenn sie die Einladung erhalten. Selbst dann, wenn sie so alt sind, dass sie nicht mehr reisen. Mit diesen Kontakten sei die historische Aufarbeitung besser m\u00f6glich. Viele Ausstellungsexponate stammen von den Zwangsarbeitern.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter sagt Steffi Wittenberg vom VVN-Landesvorstand, dass sie darauf hoffe, dass nach der Ausstellung Zwangsarbeiter nicht wieder in Vergessenheit geraten. Nur die Willi-Bredel-Gesellschaft unterh\u00e4lt eine kleine Dauerausstellung. Im Stadtteil Fuhlsb\u00fcttel konnte sie einstige Wohnbaracken von Zwangsarbeitern erhalten und nutzen. Vom Alltag der Zwangsarbeiter ist hier die Rede: Betten voller Ungeziefer, kalte Winter, R\u00fcbensuppe, t\u00e4glich 12 Stunden Arbeit in der R\u00fcstungsindustrie. Insgesamt 13,5 Millionen Menschen waren in Deutschland als Arbeitssklaven eingesetzt. Der gr\u00f6\u00dfte Teil bestand aus Zivilpersonen. Hinzu kamen Kriegsgefangene und KZ-Insassen. Rassistisch wurden \u00bbFremdarbeiter\u00ab in Kategorien eingeteilt. Polen und Russen standen ganz unten.<\/p>\n<p>Nach der Ausstellungser\u00f6ffnung widersprach die Historikerin Dr. Frederike Littmann auf einer Veranstaltung diffamierenden Unterstellungen, Zwangsarbeiter h\u00e4tten gern in Deutschland gearbeitet: \u00bbKeiner der Zwangsarbeiter ist freiwillig gekommen.\u00ab Not und Elend der besetzten L\u00e4nder h\u00e4tten Anwerbungsversuchen der Arbeits\u00e4mter allerdings eine Grundlage gegeben. Sp\u00e4ter seien erzwungene Massendeportationen erfolgt. Seit Jahren erforscht Littmann die Zwangsarbeitergeschichte in Hamburg. Nicht leicht, hatten doch Gestapo und das Landesarbeitsamt alle Unterlagen vernichtet. In Milit\u00e4rarchiven, Akten aus der Industrie- und Handelskammer und der Werft Blohm + Voss wurde sie f\u00fcndig.<br \/>\nErst mit dem Heer von Arbeitssklaven aus dem Ausland habe Deutschland den Krieg f\u00fchren k\u00f6nnen, stellt Littmann fest. Der Arbeitskr\u00e4ftemangel der Hamburger Industrie habe diese ab April 43 veranlasst, Deportationen sogar selbst zu organisieren. Im Mai 44 waren 40 Prozent aller Arbeitspl\u00e4tze mit Zwangsarbeitern besetzt, in der Industrie sogar 60 Prozent. Das Unrecht sei offen und unter wissender Beteiligung der Bev\u00f6lkerung erfolgt. Im Tagebuch des Werftbesitzers Walter Blohm hat Littmann gelesen, dass dieser den Krieg schon 1943 f\u00fcr verloren hielt. Zwangsarbeitereinsatz vollzog sich dann zur Produktionsmittelsicherung f\u00fcr die Nachkriegszeit, sagte Littmann.<\/p>\n<p>Nur von einer Widerstandsaktion in Hamburg wei\u00df man heute. Aber es habe doch Fluchtversuche gegeben, fragt eine \u00e4ltere Dame. Diese seien im letzten Kriegsjahr so gravierend gewesen, best\u00e4tigt Littmann, dass Sanktionen, von der Z\u00fcchtigung bis zum Arbeitserziehungslager, nicht mehr griffen. Die \u00bbOrdnung\u00ab wurde mit \u00f6ffentlichen Hinrichtungen aufrechterhalten.<\/p>\n<p>Am Abend sind nur noch wenige Besucher im Rathausfoyer zu sehen. Eine junge Frau und ihr Freund stehen vor einer der Tafeln, lesen entsetzt den Brief eines Zwangsarbeiters. Schon als Kind wurde er deportiert. Am Anfang h\u00e4tten er und seine Kameraden gedacht, dass der Direktor ihnen die Hand zur Begr\u00fc\u00dfung reichen wolle. Doch dann seien sie geschlagen worden. In drei Jahren immer wieder. Wie Maschinen h\u00e4tten sie am Ende funktioniert.<\/p>\n<p><em>Die Ausstellung im Rathaus ist noch bis 11. Februar zu sehen. Eine Sonderf\u00fchrung in der Gedenkst\u00e4tte der Willi-Bredel-Gesellschaft findet am 6. Februar ab 14 Uhr am Wilhelm-Raabe-Weg 23 statt.<\/em><\/p>\n<p><font size=\"1\">Verwendung unter Pseudonym: <a href=\"http:\/\/www.nd-online.de\/artikel.asp?AID=66357&amp;IDC=2&amp;DB=Archiv\" target=\"_blank\">Neues Deutschland<\/a><br \/>\nPermalink zu diesem Artikel, Kommentare lesen oder schreiben:<a href=\"http:\/\/andreas-gruenwald.blog.de\/2005\/01\/24\/zuruck_in_der_rstadt_ihrer_jugendl~2273777\"> hier<\/a><br \/>\nEintrag versenden:<a href=\"http:\/\/www.blog.de\/srv\/core\/sendfriend.php?action=emailtofriend&amp;postid=2273777&amp;mode=popup\"> hier<\/a><\/font><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>24. Januar 2005 Ausstellung \u00fcber Zwangsarbeit in Hamburg er\u00f6ffnet Sie h\u00e4tten sich eine andere Jugend gew\u00fcnscht. Als der Krieg vor\u00fcber war, war jedoch auch sie f\u00fcr die Zwangsarbeiter in Deutschland dahin. Kein anderer Ort atmet hanseatische W\u00fcrde wie der Kaisersaal des Hamburger Rathauses. 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