{"id":1928883,"date":"2004-11-29T09:05:48","date_gmt":"2004-11-29T08:05:48","guid":{"rendered":"http:\/\/andreas-gruenwald.de\/alte-webseite\/2005\/01\/01\/ein_euro_jobs_und_tschus1928883\/"},"modified":"2015-10-30T23:00:17","modified_gmt":"2015-10-30T22:00:17","slug":"ein_euro_jobs_und_tschus1928883","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/andreas-gruenwald.de\/alte-webseite\/2004\/11\/29\/ein_euro_jobs_und_tschus1928883\/","title":{"rendered":"Ein-Euro-Jobs? Und Tsch\u00fcs!"},"content":{"rendered":"<p><strong>In Hamburg fragen sich Besch\u00e4ftigungsgesellschaften, ob sie bei Hartz IV mitmachen sollen<\/p>\n<p>Anfang 2005 wird mit Hartz IV alles anders: Bisherige ABM und Besch\u00e4ftigungsprojekte werden fl\u00e4chendeckend von Ein-Euro-Jobs abgel\u00f6st. In Hamburg fragen sich die Tr\u00e4gerfirmen, ob sie dabei mitmachen sollen.<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4nde mauern, die wieder abgerissen werden, Teppichreste zerlegen, die im M\u00fclleimer landen, Fliesen kleben, die wieder abgehauen werden. So soll es zugehen beim gr\u00f6\u00dften Hamburger Besch\u00e4ftigungstr\u00e4ger, der st\u00e4dtischen \u00bbHamburger Arbeit\u00ab (HAB). Zwei Wochen ist es her, als zwei 1-Euro-Jobber vor die Presse traten und die \u00bbSinnhaftigkeit\u00ab der ihnen gegebenen Arbeit hinterfragten. 225 Millionen Euro sollen in Hamburg im Jahr 2005 \u00bbzur F\u00f6rderung und Besch\u00e4ftigung von Arbeitslosen\u00ab ausgegeben werden. Im Zentrum stehen zehntausend 1-Euro-Jobs, 2000 davon gibt es schon. Der neue Markt ist umk\u00e4mpft: 18000 Anfragen liegen bereits vor.<\/p>\n<p>2500 Teilnehmerpl\u00e4tze hat die HAB. Bei einer Besichtigung einer seiner Betriebsst\u00e4tten beruhigt Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Detlef Scheele, dass sich die Vorf\u00e4lle nur auf \u00dcbungsphasen beziehen. Zweieinhalb Monate dauern die im Schnitt. Danach st\u00fcnden 1500 Kooperationsarbeitspl\u00e4tze zur Verf\u00fcgung: bei Bildungseinrichtungen, Bezirks\u00e4mtern, im Theater und anderenorts.<\/p>\n<p><strong>ABM wird es an der Alster nicht mehr geben<\/strong><\/p>\n<p>Bei der Besch\u00e4ftigung arbeitsloser Sozialhilfebezieher nach \u00a719 des Bundessozialhilfegesetzes hatte die HAB lange ein Monopol. Bei den Arbeitsbeschaffungsma\u00dfnahmen (ABM) \u0096 dem Kerngesch\u00e4ft der freien Tr\u00e4ger \u0096 sind Auftr\u00e4ge nur zul\u00e4ssig, wenn diese ohne F\u00f6rderung nicht, nicht in diesem Umfang oder erst zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt durchgef\u00fchrt w\u00fcrden. Ausgeschlossen sind \u00f6ffentliche Regelaufgaben. Zudem ist \u00f6ffentliches Interesses vorgeschrieben. F\u00fcr die neuen Arbeitsgelegenheiten (1-Euro-Jobs) gilt das nun gleicherma\u00dfen. Bleibe es dabei, sagt Scheele, erweise sich das Programm als \u00bbLuftbuchung\u00ab.<\/p>\n<p>Nicht nur f\u00fcr die HAB hat sich viel ge\u00e4ndert. ABM wird es in Hamburg nicht mehr geben. Ohne die Ein-Euro-Jobs kann keiner der Tr\u00e4ger \u00fcberleben. Gleichzeitig sinken die monatlichen Pauschalen f\u00fcr die Tr\u00e4ger. Statt zuletzt 850 sind es jetzt nach Hartz IV maximal 500 Euro pro Teilnehmer. Davon m\u00fcssen Betriebsst\u00e4tten, Maschinen, Material und auch das Personal finanziert werden. F\u00fcr die Teilnehmer ist eine Mehraufwandsentsch\u00e4digung von im Schnitt 210 Euro pro Monat kalkuliert. Gibt es das zus\u00e4tzlich oder ist es Teil der Tr\u00e4gerfinanzierung? Keiner wei\u00df es genau. Jeder Tr\u00e4ger macht sein eigenes Angebot. Sie fragen sich: Sollen wir unter solchen Bedingungen weiter machen? F\u00fcr die HAB ist das kein Thema, f\u00fcr die freien Tr\u00e4ger schon. Die Debatte ist aufgeheizt.<\/p>\n<p>Einer dieser Tr\u00e4ger ist die \u00bbKooperation Arbeiten und Lernen in Altona\u00ab (KoALA), zu der sich vier kleinere Tr\u00e4ger zusammenschlossen. Projektidentit\u00e4t ist wichtig. Da gibt es die Suppenk\u00fcche f\u00fcr diejenigen, \u00bbderen Magen sonst leer bleibt\u00ab, das \u00bbRestaurant zum kleinen Zinken\u00ab, Servicestationen f\u00fcr \u00e4ltere Mitb\u00fcrger und Hilfsbed\u00fcrftige. Hinzu kommen Gartenbau und eine Holzwerkstatt sowie diverse andere Projekte. Seit dem Fr\u00fchjahr 2004 diskutieren die KoALA-Mitarbeiter, ob und wie weitergemacht werden k\u00f6nne. Es sei schwer akzeptabel, dass es f\u00fcr Teilnehmer keine Arbeitsvertr\u00e4ge mehr g\u00e4be, sagt Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Aram Ockert. Auch die Bezahlung l\u00f6se keine Begeisterung aus. Andererseits sei aber, bei Einrechnung staatlicher Zuwendungen, der materielle Unterschied zu ABM nicht gravierend.<\/p>\n<p>Werkst\u00e4tten sind bei den meisten Tr\u00e4gern inzwischen gestrichen. Die Einrichtung und der Unterhalt der Holzwerkstatt kostet viel, sagt Ockert. Die Erfahrung zeige aber, dass hier viel gelernt und das Selbstwertgef\u00fchl der Teilnehmer steigt. Das Bed\u00fcrfnis Sinnvolles zu tun, sei enorm. Zur Werkstatt geh\u00f6ren 20 Teilnehmer, 4ABM-Anleiter und ein Meister. Die Einarbeitung erfolgt im Team. Gilt nun mit den 1-Euro-Jobs Masse statt Klasse? Ockert sch\u00fcttelt den Kopf: \u00bbDie Anleiter sagen dir konkret, was machbar ist und was nicht. Ausgelastet ist ausgelastet! Wenn die Leute herum stehen, nichts zu tun haben, gibt es hohe Krankenst\u00e4nde.\u00ab Der Druck, Billigangebote zu unterbreiten, ist gro\u00df. Da gehen dann Leute \u00bbauftragsgem\u00e4\u00df\u00ab durch den Stadtteil und schauen nach einem Abfallhaufen, der dann der M\u00fcllreinigung gemeldet wird. Bei KoALA will das niemand. Jede T\u00e4tigkeit soll sinnvoll, n\u00fctzlich und qualifizierend sein. Hohe Betreuungsintensit\u00e4t sei wichtig. Daf\u00fcr haben die Mitarbeiter Gehaltseinbu\u00dfen hinnehmen m\u00fcssen. Ein gutes Betriebsklima und Spa\u00df seien trotzdem vorhanden. So lange das auch im Verh\u00e4ltnis zu den Teilnehmern bleibt, will KoALA nicht aufgeben. Gesunder Egoismus paart sich mit Empathie f\u00fcr die Zielgruppe.<\/p>\n<p>Zu den Mitbewerbern geh\u00f6rt die Abakus GmbH. Das Unternehmen existiert seit 20 Jahren. Dienstleistungen in benachteiligten Quartieren zu erbringen geh\u00f6rt auch hier zur Philosophie. So existieren verschiedene Stadtteilangebote, eine Schulmensa, Angebote der Kinder- und Jugendarbeit, eine Tischlerei und ein Projekt zur Berufsvorbereitung, das den \u00dcbergang in Ausbildung vorsieht. Gut ausgestattet sind die Betriebsst\u00e4tten. Abakus will aber seinen Betrieb zum 31. Dezember 2004 einstellen. \u00bbWahrhaft keine spa\u00dfige Angelegenheit\u00ab, meint Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin Gaby Gottwald. Als klar wurde, dass sozialversicherungspflichtige Besch\u00e4ftigung durch 1-Euro-Jobs ersetzt wird, habe Abakus gesagt: Das geht nicht. Gottwald verweist auf die Geschichte des Tr\u00e4gers, auf Profil. Qualifizierung, individuelle F\u00f6rderung, die gewollte Parteinahme f\u00fcr sozial Schwache und Freiwilligkeit sind Pr\u00fcfkriterien, die Mitarbeiter aufgestellt haben. Mit Ein-Euro-Jobs sei das nicht m\u00f6glich. Skandal\u00f6s sei es, wenn Menschen gezwungen sind Arbeit zu verrichten, die keinen Sinn mache und Qualifizierung nicht enthalte. \u00bbDeshalb haben wir gesagt: Tsch\u00fcs, das war es, das machen wir nicht mit. Das ist das Ende.\u00ab Gottwald argumentiert betriebswirtschaftlich: Die Fallkostenpauschale werde st\u00e4ndig gesenkt, der Zwang f\u00fcr immer mehr Teilnehmer bei schlechterer Ausstattung gr\u00f6\u00dfer. W\u00fcrde man das akzeptieren, h\u00e4tten 40 Prozent des Personals entlassen werden m\u00fcssen. Weiterer Qualit\u00e4tsverlust w\u00e4re die Folge. Dann w\u00e4re es an die R\u00fccklagen gegangen. \u00bbAber wir wollen doch nicht diese Politik mit unseren R\u00fccklagen finanzieren\u00ab, sagt die streitbare Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin. Sanierung mache nur Sinn, wenn Perspektive entstehe. Manchmal sei es besser, eine Sache zu verlassen, bevor einen die Sache verl\u00e4sst. Alle Abakus-Mitarbeiter erhalten eine Abfindung nach dem BAT. F\u00fcr ein Jahr wird eine Transfergesellschaft gegr\u00fcndet: Zeit f\u00fcr jeden, neue Perspektiven zu entwickeln. Das sei besser als sich zu Tode zu sanieren, sagt Gottwald und f\u00fcgt hinzu: \u00bbWenn schon Beerdigung, dann bestellen wir die Musik.\u00ab Das aber k\u00f6nne man nur so lange, wie man noch nicht fertig ist. \u00bbK\u00fcrzen, k\u00fcrzen, k\u00fcrzen\u00ab f\u00fchre zu nichts, denn Inhalte gehen verloren. Wie lange k\u00f6nne man das machen, fragt sich Gottwald, um noch ehrlichen Herzens in den Spiegel schauen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ulli Dre\u00dfler (60), Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Passage gGmbH, war fr\u00fcher Vorsitzender des Landesjugendrings. \u00bbDa hatte ich es auch mit der Vorbereitung der Weltfestspiele zu tun, um alle zu beteiligen: von der SDAJ bis zur katholischen Jugend\u00ab. Nach dem Studium dr\u00e4ngte es Dre\u00dfler wieder in die Praxis. Als Christ gr\u00fcndete er eine sozialp\u00e4dagogische Beratungsstelle. 1998 dann die Rathauspassage. Die Idee: 50 Meter Luftlinie vom B\u00fcrgermeisterb\u00fcro entfernt, sollte deutlich werden, was es hei\u00dft, von Arbeit ausgeschlossen zu sein. F\u00fcr die Sanierung sammelte Dre\u00dfler 1,6 Millionen DM Spenden. Daraus wurde ein kleiner Besch\u00e4ftigungstr\u00e4ger. Anfang des Jahres kamen die Textilwerkstatt in Altona, \u00bbSanft und Seife\u00ab in Steilshoop und die Jugendwerkstatt Rosenallee hinzu. Dre\u00dfler kommt gerade von der Jugendwerkstatt. Im Vergabeverfahren hat sie nichts bekommen. Irgendwie will Dre\u00dfler es schaffen, die Mitarbeiter abzufedern. Er denkt sich: \u00bbGut, dass wir Teil des Diakonie sind.\u00ab<\/p>\n<p>Das wollen auch die Mitarbeiter der \u00bbGesellschaft f\u00fcr Arbeit, Technik und Entwicklung\u00ab (GATE) GmbH in Harburg sein. Vor Jahren betrieb die Gesellschaft gro\u00dfe ABM-Projekte. Dann mussten Bereiche geschlossen und K\u00fcndigungen ausgesprochen werden. Die Geh\u00e4lter sanken. Seit dem 15. November ist GATE Teil der Passage: \u00bbVerschmelzung nach dem Umwandlungsgesetz\u00ab. Zwei Dienstleistungszentren bringt die Gesellschaft ein. Dazu geh\u00f6ren ein Mittagstisch, das Callcenter sowie der Bereich h\u00e4usliche Pflege.<\/p>\n<p>Nichts von dem, was Gaby Gottwald sagte, h\u00e4lt Dre\u00dfler f\u00fcr falsch. Er zieht andere Konsequenzen. Haben wir nicht die Pflicht unser Wissen, unsere Pl\u00e4tze, unsere Ideen f\u00fcr die einzusetzen, die unverschuldet in die Arbeitslosigkeit gekommen sind, fragt Dre\u00dfler. Keiner k\u00f6nne sagen, was dabei rauskommt. Qualit\u00e4tsverlust sei unbestreitbar. Das Herz krampft sich ihm zusammen, wenn Dre\u00dfler vom Verlust der Arbeitsvertr\u00e4ge f\u00fcr Teilnehmer spricht. Das m\u00fcsse ge\u00e4ndert werden! Andererseits g\u00e4be es viele Familien, die schon seit Generationen Sozialhilfe beziehen. \u00bbDie fragen: Was habe ich am Ende?\u00ab<\/p>\n<p><strong>Freiwillige Arbeit ist motivierender <\/strong><\/p>\n<p>Wirklich furchtbar w\u00e4ren gewisse Einzelheiten bei Hartz IV: Wenn jemand krank wird, der sich gerade eine Monatskarte gekauft habe und dann keine Mehraufwandsentsch\u00e4digung erhalte. Die, die sich zun\u00e4chst daf\u00fcr entschieden haben, weiterzumachen, m\u00fcssten jetzt sehen, wie ein Optimum herauszuholen ist. Sonst laufe man mit angezogener Handbremse auf der \u00dcberholspur der Autobahn. Nachdenklich f\u00fcgt Dre\u00dfler hinzu: \u00bbWenn wir jetzt unsere Infrastruktur aufgeben, kommt sie nie wieder.\u00ab<\/p>\n<p>Und die Freiwilligkeit? F\u00fcr Ulli Dre\u00dfler ist das ein Essential. Er bek\u00e4me Angstschwei\u00df, wenn er sich vorstelle, dass eine 89-J\u00e4hrige, die zwei Inflationen erlebt hat, nun im Alter einem Unwilligen ausgesetzt wird. Aram Ockert verweist auf eine Erkl\u00e4rung der Agentur f\u00fcr Arbeit, des St\u00e4dtetages und der Arbeitsgemeinschaft freier Wohlfahrtspflege. Dort hei\u00dft es, dass erh\u00f6hte Freiwilligkeit die Motivation steigere. Tr\u00e4ger sollen entscheiden k\u00f6nnen, ob sie jemanden nehmen oder nicht. Damit kann ich leben, sagt Ockert. Nicht leben k\u00f6nne er mit Zwangszuweisungen, die die Tr\u00e4ger dann nehmen m\u00fcssen. Detlef Scheele von der HAB sagt hingegen: \u00bbWir nehmen jeden\u00ab.<\/p>\n<p>Verwendung: <a href=\"http:\/\/www.nd-online.de\/artikel.asp?AID=63578&amp;IDC=2&amp;DB=Archiv\" target=\"_blank\">http:\/\/www.nd-online.de\/artikel.asp?AID=63578&amp;IDC=2&amp;DB=Archiv<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Hamburg fragen sich Besch\u00e4ftigungsgesellschaften, ob sie bei Hartz IV mitmachen sollen Anfang 2005 wird mit Hartz IV alles anders: Bisherige ABM und Besch\u00e4ftigungsprojekte werden fl\u00e4chendeckend von Ein-Euro-Jobs abgel\u00f6st. In Hamburg fragen sich die Tr\u00e4gerfirmen, ob sie dabei mitmachen sollen. 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