{"id":1559931,"date":"2007-01-16T00:11:57","date_gmt":"2007-01-16T00:11:57","guid":{"rendered":"http:\/\/andreas-gruenwald.de\/alte-webseite\/2007\/01\/16\/60_jahre_junge_welt1559931\/"},"modified":"2015-11-01T17:45:28","modified_gmt":"2015-11-01T16:45:28","slug":"60_jahre_junge_welt1559931","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/andreas-gruenwald.de\/alte-webseite\/2007\/01\/16\/60_jahre_junge_welt1559931\/","title":{"rendered":"60 Jahre Junge Welt \/\/ Teil 1"},"content":{"rendered":"<div align=\"right\"><font size=\"1\">16. Januar 2007<\/font><\/div>\n<p><strong>Die Junge Welt wird am 12. Februar 60 Jahre alt, denn kurz nach dem Krieg, am 12. Februar 1947, erschien bereits das erste Exemplar.<\/strong><\/p>\n<p>Heute ist diese Zeitung &#8211; und trotz aller R\u00fcckschl\u00e4ge &#8211; das wohl wichtigste Medium, das die sozialistische und antikapitalistische Linke in Deutschland noch hat. Hier kann ich auch als Textautor die Dinge so beschreiben wie sie sind.<\/p>\n<p>F\u00fcr die n\u00e4chsten 60 Jahre w\u00fcnsche ich deshalb meiner Zeitung alles Gute, Kraft und Gesundheit und vor allem viele neue Abonnenten, denn das hat die Junge Welt verdient!<\/p>\n<p><em>Andreas Gr\u00fcnwald<\/em><\/p>\n<p>F\u00fcr Sie, liebe Leser, dokumentiere ich hier s\u00e4mtliche Artikel, wie sie in der Eigenbeilage zum 60. Geburtstag der Zeitung am 13. Januar 2007 erschienen sind.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Weiter mit uns rechnen<\/strong><br \/>\n<strong>Eine konsequent linke, sozialistische Tageszeitung bleibt machbar, Herr Nachbar<\/strong><\/p>\n<p><em>von Arnold Sch\u00f6lzel<\/em><\/p>\n<p>Dr. Arnold Sch\u00f6lzel (Jahrgang 1947) geh\u00f6rt seit 1997 zur Redaktion und ist seit 2000 Chefredakteur der Tageszeitung junge Welt.<\/p>\n<p>Neulich war zu lesen, da\u00df ein US-Medienwissenschaftler ziemlich genau das Datum kennt, an dem es in den USA keine Zeitung mehr geben wird: Erstes Quartal 2043. F\u00fcr Vorhersagen dieser Art gilt generell: \u00bbPrognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.\u00ab Diese erinnert an das Kalk\u00fcl des IBM-Chefs im Jahr 1943, es gebe einen Weltmarkt f\u00fcr etwa f\u00fcnf Computer.<\/p>\n<p>Eine v\u00f6llig unkomplizierte Prognose l\u00e4\u00dft sich f\u00fcr die junge Welt abgeben: Es wird sie auch in den n\u00e4chsten sechs Jahrzehnten geben. Ob auf Papier oder in anderer Form, sei dahingestellt, aber als Zeitung in jedem Fall. Das l\u00e4\u00dft sich schon daraus ableiten, da\u00df keine andere Zeitung derart viele Meldungen \u00fcber ihr Ableben hinter sich hat. Die junge Welt ist bankrotterfahren. Es gab sie schon \u00f6fter nicht mehr, was sie nicht daran hinderte, erneut zu erscheinen. Vorg\u00e4nge solcher Art waren in der Vergangenheit Anla\u00df, Weltreligionen zu stiften \u0096 davon kann hier keine Rede sein. Die junge Welt schien mehrfach abgewickelt, aus und vorbei, keiner rechnete mehr mit ihr. Zum Gl\u00fcck f\u00fcr die Zeitung, wie der Publizist Otto K\u00f6hler in seiner Laudatio zur Verleihung des Erich-M\u00fchsam-Preises an die junge Welt 2003 meinte.<\/p>\n<p>Aber es gibt einen wichtigeren Grund daf\u00fcr, da\u00df die Zukunft der jungen Welt ziemlich klar ist. Das ist das tiefsitzende, schwer zu beseitigende, weil v\u00f6llig einfache Bed\u00fcrfnis sehr vieler Leute: Die Nachrichten zu erfahren, die besagen, da\u00df die Zust\u00e4nde, in denen wir derzeit leben, nicht das letzte Wort der Geschichte sind. Jene kleinen Ereignisse mitgeteilt zu erhalten, aus denen sich auf gro\u00dfe Veschiebungen in der Weltgeschichte schlie\u00dfen l\u00e4\u00dft. Wer m\u00f6chte schon, da\u00df Angela Merkel und George W. Bush den Weltlauf bestimmen? Man kann es auch Lust auf Ver\u00e4nderung nennen oder wenn es ganz hartn\u00e4ckig kommt: Arbeiten f\u00fcr Sozialismus. Unbankrottbar ist offenbar die Vorstellung, da\u00df niemand sich das t\u00e4gliche An-der-Nase-Herumf\u00fchren in Politik und Medien gefallen lassen mu\u00df. Es gibt Menschen, die ein Ged\u00e4chtnis haben und sich daran erinnern, da\u00df nicht alles im Leben auf Kaufen und Verkaufen reduziert werden mu\u00df, auf bl\u00f6de \u00d6de und brutale Idiotie, auf Senkung der Lohnnebenkosten und Landesverteidigung am Hindukusch. Die Macher der jungen Welt haben den Eindruck, da\u00df die Zahl solcher Menschen zunimmt. Nicht sehr schnell, in der Bundesrepublik und in Europa vielleicht etwas langsamer als anderswo in der Welt, aber stetig. Deswegen ist die Vorhersage, was die zuk\u00fcnftige junge Welt angeht, nicht besonders kompliziert.<\/p>\n<p>Sie l\u00e4\u00dft sich auch so zusammenfassen: Je l\u00e4nger der Kapitalismus dauert, desto gr\u00f6\u00dfer das genannte Bed\u00fcrfnis. Wo eine offizielle Arbeitslosigkeit von vier Millionen Menschen wirtschaftlicher \u00bbAufschwung\u00ab hei\u00dfen, wo Kriege mit Zehntausenden und Hunderttausenden Toten gef\u00fchrt und unterst\u00fctzt werden, da breitet es sich aus, da dr\u00e4ngt es viele, etwas zu tun. Da geht es nicht ums Warten auf den St. Nimmerleinstag, sondern darum, hier und heute das Verscherbeln von Wohnungen, Energie und Wasser zu verhindern, das Drehen an der Schikanespirale gegen Arbeitslose, Alte, Jugendliche und Kranke zu stoppen und die Kriegsf\u00fchrer zu lehren, da\u00df sie die Waffen haben, aber nicht die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Antifaschistisch, antikapitalistisch und gegen den imperialistischen Krieg: Solange der Kapitalismus dauert, bleibt die junge Welt n\u00f6tig. Je rascher er \u00fcberwunden werden mu\u00df, desto n\u00f6tiger wird sie. Da\u00df es sie im Sozialismus geben mu\u00df, wurde schon geprobt.<\/p>\n<p>*******<\/p>\n<p><strong>Unbankrottbar \u0096 open end<\/strong><\/p>\n<p><strong>Daten, Fakten, Zahlen aus der Geschichte der jungen Welt, die am 12. Februar 1947 als Wochenzeitung Junge Welt gegr\u00fcndet worden ist<\/strong><\/p>\n<p>Aus einem Leitartikel zum \u00bbTag der Jungen Welt\u00ab am 21. Januar 1950: \u00bbZum ersten Mal in der Geschichte Deutschlands hat die Jugend ihre eigene Presse, eine m\u00e4chtige Zeitung, die nicht dazu dient, sie mit Rassevorurteilen und nationaler \u00dcberheblichkeit zu erf\u00fcllen, sie andere Nationen hassen zu lehren, sondern die ihr ganzes Streben darauf ausrichtet, die Jugend f\u00fcr den Frieden, das Leben und den Aufbau zu gewinnen.\u00ab<\/p>\n<p>Zeitung der Jugend. Sp\u00e4ter als urspr\u00fcnglich gewollt erscheint am 12. Februar 1947 die erste Ausgabe der Jungen Welt mit dem Untertitel \u00bbZeitung der Jugend\u00ab. Die Wochenzeitung, im Impressum als Organ der im Jahr zuvor als einheitlicher \u00fcberparteilicher Jugendverband gegr\u00fcndeten Freien Deutschen Jugend (FDJ) ausgewiesen, wird vom Verlag Neues Leben GmbH \u0096 am 17. Juni 1946 als Verlag f\u00fcr Jugendliteratur gegr\u00fcndet \u0096 herausgegeben. Das von der Sowjetischen Milit\u00e4radministration unter der Lizenz-Nummer 134 registrierte Blatt kostet 0,25 Reichsmark. Gedruckt wird es mit einem Umfang von acht Seiten im sogenannten Berliner Format. Die Start\u00adauflage wird mit 125000 Exemplaren angegeben.<\/p>\n<p>Zentralorgan mit Zuwachs. Am 7. Dezember 1949 teilt die Junge Welt mit, da\u00df am 2. Dezember die Wochenzeitung Start ihr Erscheinen eingestellt hat und deren Redakteure nun die JW-Mannschaft verst\u00e4rken werden. Start war bereits im Juni 1946 als \u00bbIllustriertes Blatt der jungen Generation\u00ab gegr\u00fcndet worden; die im Berliner Verlag herausgegebene Zeitung mit einem Umfang von zw\u00f6lf Seiten stand jedoch nicht unter dem Einflu\u00df des Jugendverbandes. Gewisserma\u00dfen als Trost f\u00fcr die Start-Leser erscheint die Junge Welt, seit November 1947 im Untertitel als Zentralorgan der FDJ ausgewiesen, in ver\u00e4nderter Aufmachung ab 1. Januar 1950 zweimal w\u00f6chentlich \u0096 zum Preis von 20 Pfennig (Monatsabo: 1,70 Mark). Gegen\u00fcber dem Vorjahr steigt ihre Auflage 1950 von 153000 auf 231200 Exemplare.<\/p>\n<p>\u00dcbergang zur Tageszeitung. Im Februar 1951 wird im FDJ-Zentralrat die Herausgabe der Jungen Welt als Tageszeitung diskutiert. W\u00e4hrend der III. Weltfestspiele der Jugend und Studenten im August 1951 in der DDR-Hauptstadt findet mit einer etwa 50k\u00f6pfigen Mannschaft ein entsprechender Probelauf statt, als die Zeitung mit 21 achtseitigen Festivalausgaben und einer Gesamtauflage von 13 Millionen erscheint. Im Dezember wird der Start der Tageszeitung zum 1. M\u00e4rz 1952 beschlossen. Sie erscheint nun im neugegr\u00fcndeten Verlag Junge Welt zun\u00e4chst sechsmal w\u00f6chentlich au\u00dfer montags mit sechs und sonntags mit acht Seiten zum Preis von zehn Pfennig (Monatsabo 2,50 Mark). Die Auflage liegt bei 261000 Exemplaren. Ihr Markenzeichen wird geb\u00fchrend betont: \u00bbNoch nie hat die junge Generation Deutschlands eine eigene Tageszeitung besessen.\u00ab Allerdings nennt sie sich fortan und bis zum 9. Januar 1990 im Untertitel \u00bbOrgan des Zentralrats der FDJ\u00ab.<\/p>\n<p>Sportlerumfrage. Mit dem Namen Junge Welt verbinden sich viele Neuerungen im DDR-Journalismus (wie die w\u00f6chentliche Seite mit Antworten auf Leserfragen, die Wochenendbeilage \u00bbDu und deine Zeit\u00ab, die regelm\u00e4\u00dfige Literaturbeilage \u00bbDu und das Buch\u00ab oder die Rubrik \u00bbUnter vier Augen\u00ab, in der ebenfalls Leserfragen rund um Pubert\u00e4t und Partnerschaft beantwortet werden, umfangreiche historische Tatsachenserien und biografische Berichte sowie Leserinterviews mit Weltmeistern und Olympiasiegern). Dazu geh\u00f6rt auch die allj\u00e4hrliche Sportlerumfrage. Die von der JW-Sportredaktion kreierte Umfrage nach den DDR-Sportlern des Jahres startet am 15. November 1953. Im Unterschied zu anderen L\u00e4ndern besteht die Besonderheit darin, da\u00df die Leser mit ihrer Stimmabgabe dar\u00fcber entscheiden, auch wenn dies seit 1964 anhand einer von Sportjournalisten zusammengestellten Kandidatenliste erfolgt. Seit 1958 werden die Sportlerinnen des Jahres extra gew\u00e4hlt; im Folgejahr wird zudem die Mannschaft des Jahres ermittelt. Die erstplazierten Sportler erhalten die Ehrenschale der Zeitung, die beste Sportlerin den Ehrenpokal des Senders Radio DDR und die Siegermannschaft den Ehrenlorbeer des DDR-Fernsehens. Die Anzahl der abgegebenen Stimmen erh\u00f6hte sich von 11773 (1953) auf 833401 (1968) und \u00fcberschritt in den Jahren danach jeweils die Millionengrenze, viermal (1974, 1977, 1980 und 1988) sogar die Zwei-Millionen-Marke. Da jeder Teilnehmer in jeder Kategorie sein Votum abgeben konnte, hei\u00dft das bei zwei Millionen, es beteiligten sich jeweils 700000 JW-Leser bzw. -Mitleser an den Umfragen. Im letzten Umfragejahr kommen allerdings nur noch 686408 Stimmen zusammen. Die traditionelle Auszeichnungsveranstaltung, zu der stets auch die fr\u00fcheren Sportler des Jahres eingeladen sind, findet 1989 dennoch statt.<\/p>\n<p>Leserresonanz. Zwischen 1952 und 1961 erh\u00e4lt die Redaktion im Jahresdurchschnitt 162800 Leserzuschriften (inklusive Einsendungen zur Sportlerumfrage). F\u00fcr das Jahr 1971 sind exakt 679409 Briefe ausgewiesen, von denen 6791 ver\u00f6ffentlicht bzw. auf der Antwortseite beantwortet werden. Eine Analyse aus dem Jahr 1984 etwa ergibt \u0096 bei einer durchschnittlichen Auflage von 1238526 Exemplaren \u0096 neben 613826 Zusendungen zur Sportlerwahl (mit insgesamt 1841478 Stimmen) 139928 weitere Leser\u00e4u\u00dferungen. Dazu geh\u00f6rten 7756 Problembriefe, die wie Eingaben zu behandeln sind, sowie u.a. Einsendungen zu Preisausschreiben, Leserdiskussionen oder anderen JW-Aktionen (etwa zur Wahl der Amateurband des Jahres), Protest- bzw. Solidarit\u00e4tsbekundungen und Briefwechselw\u00fcnsche.<\/p>\n<p>Traumgrenzen. Im Juli 1966 \u00fcberschreitet die JW-Auflage erstmals die Marke von 300000 Exemplaren. Der frisch ins Amt berufene Chefredakteur Horst Pehnert spricht aus diesem Anla\u00df von einer \u00bbTraumgrenze\u00ab, die die Zeitung auf eine Stufe mit renommierten ausl\u00e4ndischen Tageszeitungen hebe. Seit Jahren gibt es die Zeitung montags bis donnerstags sowie am Wochenende mit acht und freitags mit 16 Seiten zum Preis von zehn (freitags 15) Pfennig und im Monatsabo 2,70 Mark. Seit 1960 werden zudem t\u00e4glich zwei Ausgaben produziert: eine Republikausgabe (A) und eine aktualisierte Ausgabe f\u00fcr Berlin und das Umland (B). 1976 geht schlie\u00dflich ein weiterer Traum der Redaktion in Erf\u00fcllung: Mit der Umstellung auf Offsetdruck und dem parallel eingef\u00fchrten dezentralen Druck (in Berlin, Dresden, Erfurt, Halle und Rostock) konnte der Redak\u00adtionsschlu\u00df der A-Ausgabe um rund f\u00fcnf Stunden auf 17.30 Uhr verschoben werden, w\u00e4hrend der B-Termin bei 23.50 Uhr lag. 1977 wird mit der Auflage dann eine weitere Schallmauer \u0096 die Millionengrenze \u0096 durchbrochen.<\/p>\n<p>Dank und Anerkennung mit Marx. Wie schon zu vergangenen Jahrestagen bedenken Zentralkomitee der SED und Zentralrat der FDJ sowie viele andere Gratulanten die Junge Welt auch zu ihrem 40. Jubil\u00e4um im Februar 1987 mit Gr\u00fc\u00dfen, Dank und Anerkennung. Der Gl\u00fcckwunsch aus dem Hause Honecker ist verbunden mit der Verleihung des Karl-Marx-Ordens, der h\u00f6chsten staatlichen Auszeichnung, die die bisher erhaltenen Ehrungen \u0096 Artur-Becker-Medaille der FDJ, Banner der Arbeit und Vaterl\u00e4ndischer Verdienstorden (Gold) zehn Jahre zuvor \u0096 erg\u00e4nzt.<\/p>\n<p>Neue Chefredaktion. Am 21. November 1989 teilt die Zeitung auf der Titelseite \u00bbIn eigener Sache\u00ab ihren Leserinnen und Lesern mit: \u00bbSeit heute hat die Junge Welt eine neue Chefredaktion. Die Mitarbeiter der Redaktion haben ihr mehrheitlich das Vertrauen ausgesprochen. Es sind die radikalen Anforderungen der Zeit, vor allem eure Anforderungen, &#8230; die diesen Schritt notwendig gemacht haben. Wir wollen eine neue Zeitung machen.\u00ab Nicht mitgeteilt wird, da\u00df diesem Schritt eine Empfehlung der bisherigen Redaktionsleitung unter dem 1984 vom Herausgeber berufenen Chefredakteur Hans-Dieter Sch\u00fctt zugrunde liegt. Die Junge Welt geh\u00f6rt damit zu den ersten der etwa 40 in der DDR erscheinenden Tageszeitungen, die personelle Konsequenzen aus der Vergangenheit ziehen. Am 10. Januar 1990 verabschiedet sich die JW auch von der FDJ. Statt \u00bbOrgan des Zentralrats der FDJ\u00ab nennt sie sich im Untertitel nun \u00bbLinke Sozialistische Jugendzeitung\u00ab und will fortan f\u00fcr eine Republik streiten, \u00bbdie sich ihrem antifaschistisch-demokratischen Ursprung verpflichtet f\u00fchlt und reaktion\u00e4rem Gedankengut keinen Fu\u00dfbreit Platz macht. F\u00fcr eine Republik, die verhindert, da\u00df der gro\u00dfdeutsche Traum westlich der Elbe, mit klingendem Spiel durchs Brandenburger Tor zu ziehen, nun mit klingender M\u00fcnze unter Schirmherrschaft des BRD-Finanzkapitals verwirklicht wird. Dagegen stellen wir unseren Traum: da\u00df sich die DDR als eine humanistische und demokratische Alternative zur Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland entwickelt.\u00ab<\/p>\n<p>Expansionsversuch. \u00bbGuten Tag nach Flensburg, Stuttgart und Castrop-Rauxel, hallo Nachbarn von Ostfriesland bis Oberammergau: Da sind wir!\u00ab Mit dieser Ank\u00fcndigung will die Junge Welt ab 26. Februar 1990 den sprichw\u00f6rtlichen Spie\u00df umdrehen. \u00bbWenn ausw\u00e4rtige Bl\u00e4tter auf den DDR-Markt dr\u00e4ngen, expandieren wir halt auf den ihren.\u00ab Bei einem Preis von einer D-Mark bleibt der erhoffte Erfolg allerdings aus.<\/p>\n<p>Neues Logo. Nach einem von der Westberliner Werbeagentur Dorland entwickelten Konzept erscheint die nun modernistisch durchgestylte Junge Welt ab dem 2. April 1990 mit einem neuen Seitenlayout und neuen Rubriken, ab Mai auch mit einer Umfangserweiterung von 56 auf 72 und ab Juli auf 76 Seiten w\u00f6chentlich zum vermeintlich marktgerechteren Preis von 40 (ab September 50) Pfennig; der Einstiegspreis der nun nicht mehr \u00bbLinken Sozialistischen Jugendzeitung\u00ab im Westen bleibt bei einer D-Mark. Der nach den Wahlen vom 18. M\u00e4rz einsetzende und durch die W\u00e4hrungsunion zum 1. Juli 1990 forcierte Auflagenr\u00fcckgang kann allerdings nicht mehr gebremst werden. Im Dezember 1990 werden statt der 1,6 Millionen zu Jahresbeginn nur noch 200000 Exemplare abgesetzt.<\/p>\n<p>Verlegerwechsel. W\u00e4hrend die meisten ostdeutschen Tageszeitungen von der Treuhand westdeutschen Gro\u00dfverlagen zugeschlagen worden sind, entgeht die Junge Welt, obwohl entsprechende \u00bbAngebote\u00ab vorlagen, solch einem ungewissen Schicksal. Am 24. April 1991 gibt die alternative Westberliner Mediengruppe Schmidt &amp; Partner (MSP) die Gr\u00fcndung einer \u00bbTageszeitung Junge Welt Verlag GmbH bekannt, in der nun die JW \u0096 Auflage inzwischen nur noch 170000 \u0096 erscheint. An diesem Verlag sind die MSP-T\u00f6chter Trib\u00fcne Druck GmbH und die Treptower Verlagshaus GmbH zu jeweils 50 Prozent beteiligt. Die Redaktion verlegt ihren 1975 bezogenen Sitz am Alexanderplatz, in der Karl-Liebknecht-Stra\u00dfe, am 14. Juli 1991 mit rund 70 Mitarbeitern nach Berlin-Treptow, ins alte Verlagshaus der Gewerkschaftszeitung Trib\u00fcne. Der Wechsel der Druckerei hat weitere Umstellungen zur Folge; die Verkleinerung auf das halbrheinische Format soll durch eine Umfangserweiterung auf dreimal 16 und dreimal 32 Seiten pro Woche kompensiert werden. Ab 1992 erscheint die Zeitung in der Verlagsanstalt in Berlin GmbH.<\/p>\n<p>\u00bbDie ostdeutsche Tageszeitung\u00ab. So lautet seit dem 6. September 1993 der neue Untertitel. Zur Begr\u00fcndung werden Herkunft und Verbreitung genannt; angemerkt wird zudem, da\u00df ein bewu\u00dfter Kontrast zur Verwestlichung der Zeitungslandschaft im Osten gesetzt werden soll. Versprochen wird ein origin\u00e4rer Blick aus dem Osten in den Westen und dar\u00fcber hinaus. Die Zeitung kostet inzwischen t\u00e4glich 1,20 und im Monatsabo 23,80 DM (erm\u00e4\u00dfigt 19,90 DM) zuz\u00fcglich zehn DM Vetriebskosten in der Alt-BRD. Preiserh\u00f6hungen werden vom Verlag damit begr\u00fcndet, da\u00df Abonnements und Kioskverkauf nahezu die einzige Einnahmequelle und finanzielle Basis der Zeitung sind. Steigende Preise und sinkende Auflage \u0096 ein Circulus vitiosus.<\/p>\n<p>Hamburger Kurskorrektur. Dem weiteren R\u00fcckgang der Abonnementszahlen will der inzwischen f\u00fcr die JW zust\u00e4ndige Azzurro-Medienverlag mit einer grunds\u00e4tzlichen Neuausrichtung der Zeitung begegnen. Bei einer Auflage von 27865 Exemplaren wird daf\u00fcr Hermann L. Gremliza, Herausgeber des linken Hamburger Monatsmagazins konkret, als Berater hinzugezogen. Sein st\u00e4rker auf Befindlichkeiten westdeutscher Altlinker (\u00bbDie Zielgruppe bin ich\u00ab, zitiert ihn die taz) orientiertes Konzept startet, gepaart mit dem neuen Zeitungslogo junge Welt und entsprechend neuem Seitenlayout am 9.Mai 1994. Die nun 24 Seiten umfassende Ausgabe kostet 1,50 bzw. monatlich 45\/30 DM.<\/p>\n<p>Konkurs mit \u00bbOsterwunder\u00ab. Der erhoffte Zugewinn von Abonnenten stellt sich zwar ein; er kann jedoch die im gr\u00f6\u00dferen Umgang erfolgenden Abbestellungen nicht ausgleichen. Im Gegenteil: Bei einer Tagesauflage von 17405 meldet der Verlag am 5. April 1994 Insolvenz an. Am folgenden Tag teilt der aus dem Westen stammende Chefredakteur seinen LeserInnen mit: \u00bbDiese Ausgabe der Jungen Welt ist die letzte.\u00ab Doch ein Teil der zuletzt rund 50 Mitarbeiter will nicht kampflos aufgeben. Vor\u00fcbergehend ohne Computer und sonstige Technik, werden die n\u00f6tigen Wege, Mittel und M\u00f6glichkeiten gefunden. Eine Woche nach dem Konkurs und rechtzeitig zum Osterfest erscheint die Zeitung wieder mit einer ersten \u00bbMut-Ausgabe\u00ab \u0096 zum Sonderpreis von einer Mark. Ein Mitarbeiterverlag wird gegr\u00fcndet: Der bevorstehende Tag der Befreiung liefert den Namen: Seit 21. April erscheint die jW im \u00bbVerlag 8. Mai GmbH i. G.\u00ab. Zur Existenzsicherung wird ein Genossenschaftsmodell diskutiert \u0096 und die Umsetzung noch im selben Jahr in Angriff genommen. Allen Unkenrufen zum Trotz machen Verlag und Redaktion nicht nur mit der Zeitung von sich reden, sondern z.B. auch im Januar 1996 mit der von ihr veranstalteten ersten Rosa-Luxemburg-Konferenz.<\/p>\n<p>Internet-Pioniere. Nachdem die Zeitung bereits seit Juni 1993 eine bis dahin in der Zeitungslandschaft einmalige E-Mail-Ausgabe anbietet, geh\u00f6rt sie im M\u00e4rz 1996 auch zu den ersten Tageszeitungen, die das World Wide Web nutzen. Zun\u00e4chst nur mit wenigen ausgew\u00e4hlten Beitr\u00e4gen im Internet pr\u00e4sent, wird das Angebot im Lauf der Jahre schrittweise erweitert. Seit Februar 2006 ist nahezu die komplette Ausgabe am Vorabend des Erscheinungstages on\u00adline abrufbar.<\/p>\n<p>Genossen \u0096 schafft. Gut zwei Jahre nach ihrer am 7. Oktober 1995 erfolgten Gr\u00fcndung wird die \u00bbLinke Presse Verlags- F\u00f6rderungs- und Beteiligungsgenossenschaft junge Welt e. G.\u00ab beim Amtsgericht Charlottenburg (Berlin) unter der Nummer 545 Nz in das Genossenschaftsregister eingetragen. Die Zahl der LPG-Mitglieder hat sich von anfangs 28 zum Jahresende 2006 auf 610 erh\u00f6ht, die insgesamt 936 Anteile (\u00e0 500 Euro) gezeichnet haben.<\/p>\n<p>Tr\u00e4umer-Bankett. Gro\u00dfes Medienecho findet am 8. Januar 2000 das im Anschlu\u00df an die V. Rosa-Luxemburg-Konferenz in der Berliner Humboldt-Universit\u00e4t von der Redaktion ausgerichtete \u00bbBankett 2000\u00ab. Dazu hatte die Junge Welt bereits vor 30 Jahren die 500 Gewinner eines Preisausschreibens zum 100. Lenin-Geburtstag im April 1970 eingeladen. Unter dem Motto \u00bbTr\u00e4ume ins Jahr 2000\u00ab waren damals Zukunftsvisionen gefragt: \u00bbWas tust Du am Donnerstag, den 6. Januar 2000?\u00ab Mit gro\u00dfer Unterst\u00fctzung ehemaliger JW-Mitarbeiter ist es drei Jahrzehnte sp\u00e4ter der Redaktion gelungen, das Bankett-Versprechen von 1970 \u0096 wenn auch bescheidener als von den Erfindern geplant \u0096 einzul\u00f6sen.<\/p>\n<p>Neues Format. Seit 1999 wieder in Berlins Mitte, in der Karl-Liebknecht-Stra\u00dfe, zu Hause, t\u00fcrmen sich vor der Redaktion im Januar 2004 mit der Insolvenz des Druckhauses am Treptower Park pl\u00f6tzlich neue Schwierigkeiten auf. Auf der Suche nach Ersatz gibt es die Zeitung zwei Tage lang nur mit einer Online-Ausgabe. Nach einer Zwischenl\u00f6sung bei der M\u00e4rkischen Verlags- und Druck-Gesellschaft mbH Potsdam kommt die junge Welt seit September 2004 wieder aus Ostberlin, aus der Union Druckerei Berlin GmbH. Damit verbunden ist eine neuerliche Umstellung von Zeitungslayout und Format: Das neue Format entspricht dem der ersten Jahre, statt der damals acht nun allerdings mit 16 und am Wochenende mit 24 Seiten sowie regelm\u00e4\u00dfigen Extras \u0096 wie diese Beilage.<\/p>\n<p>*******<\/p>\n<p><strong>Endlich! Die Junge Welt ist da!<br \/>\nGeleitwort des FDJ-Vorsitzenden Erich Honecker zur ersten Ausgabe am 12. Februar 1947<\/strong><\/p>\n<p>Sie betrachtet es als ihre Aufgabe, mit allem Elan, der jungen Menschen eigen ist, die Interessen der jungen Generation zu vertreten. Diese Aufgabe ist keine leichte. Viel leichter w\u00e4re es, in den Chorus derer einzustimmen, die sich in der blo\u00dfen Aufz\u00e4hlung negativer Erscheinungen mit der \u00bbverlorenen Generation besch\u00e4ftigen. Wollten wir auch in diese Linie einschwenken, brauchte unsere Zeitung nicht zu erscheinen.<\/p>\n<p>Die Junge Welt stellt sich die Aufgabe, der Jugend den Weg in die Zukunft zu weisen. Sie ist daher das Sprachrohr der Hunderttausenden, die diesen Weg bereits beschritten haben.<\/p>\n<p>Die Junge Welt bekennt sich zur fortschrittlichen Demokratie, die das Mitbestimmungsrecht der Jugend in sich schlie\u00dft.<\/p>\n<p>Die Junge Welt wird alle die entlarven, die unter dem Deckmantel der Demokratie jugendfeindliche Ma\u00dfnahmen durchf\u00fchren wollen. Sie wird daher Freunde der Jugend Freunde und Feinde der Jugend Feinde nennen.<\/p>\n<p>Die Junge Welt wird unentwegt f\u00fcr Frieden, Freiheit und Recht eintreten. Sie wird die freundschaftlichen Beziehungen zur Weltjugend pflegen und die Einigungsbestrebungen der deutschen Jugend f\u00f6rdern.<\/p>\n<p>Die Junge Welt soll in der Hand der Freien Deutschen Jugend eine Waffe sein in ihrem Kampf f\u00fcr die Durchsetzung und Verwirklichung der Grundrechte der jungen Generation, der Verteidigung der Einheit der Jugend und der Herstellung der Einheit Deutschlands. Sie wird diese Aufgabe um so eher erf\u00fcllen k\u00f6nnen, je mehr Jungen und M\u00e4del aus Stadt und Land, aus Fabriken und Kontoren sie als ihre Zeitung betrachten und an ihrer Ausgestaltung mitarbeiten.<\/p>\n<p><em>Erich Honecker<\/em><\/p>\n<p>*******<\/p>\n<p><strong>Grund- und Gr\u00fcndungskonsens<\/p>\n<p>Antifaschismus und antiimperialistische Solidarit\u00e4t \u0096 Markenzeichen der Zeitung seit sechs Jahrzehnten<\/strong><\/p>\n<p><em>von Peter Rau<\/em><\/p>\n<p>Auch wenn im umstehend ver\u00f6ffentlichten Geleitwort von Erich Honecker die Begriffe \u00bbAntifaschismus\u00ab und \u00bbSolidarit\u00e4t\u00ab nicht expressis verbis auftauchen, so geh\u00f6ren die damit zu verbindenden Inhalte gleichwohl zum Gr\u00fcndungs- wie Grundkonsens dieser Zeitung, der alle j\u00e4hen Wendungen der Geschichte \u00fcberdauert hat. Was die Gr\u00fcnderjahre betrifft, l\u00e4\u00dft sich das schnell an zwei Beispielen belegen: Da ist Adolf Buchholz: Der erste Chefredakteur der FDJ-Zeitung kam \u0096 wie seine drei Nachfolger Horst Brasch, Rudolf Mie\u00dfner und Heinz Stern in den 40er Jahren, ehe sie dann gewisserma\u00dfen den Staffelstab an Vertreter der inzwischen herangewachsenen Generation \u00fcbergaben \u0096 aus dem antifaschistischen Widerstand. Der Jungkommunist und Berliner KJVD-Funktion\u00e4r war in den 30er Jahren aus Hitlerdeutschland geflohen, in die CSR und sp\u00e4ter nach Gro\u00dfbritannien emigriert, wo er wie schon in Prag eine \u00fcberparteilich organisierte Jugendorganisation namens Freie Deutsche Jugend gr\u00fcnden half. Im Auftrag der KPD stellte er sich 1944\/45 dem US-Geheimdienst OSS zur Verf\u00fcgung, in dessen Auftrag er in den letzten Kriegswochen illegal in Berlin eingesetzt war. Da\u00df Leute wie er und seine Gef\u00e4hrten der von Honecker erw\u00e4hnten \u00bbverlorenen Generation\u00ab antifaschistisches Gedankengut nahebrachten und vertraut machten, ist klar. Und wenn es denn auch \u00bbverordneter Antifaschismus\u00ab gewesen sein soll \u0096 so war das gewi\u00df nicht die schlechteste Medizin.<\/p>\n<p>Von diesem Grundkonsens der Zeitung zeugen seither unz\u00e4hlige Tatsachenberichte, Hintergrundbeitr\u00e4ge und Geschichtsserien, ver\u00f6ffentlichte Erinnerungen und Erfahrungen, Gespr\u00e4che mit und Lebensbilder von antifaschistischen Widerstandsk\u00e4mpfern \u0096 bis in die Gegenwart hinein. Heute sind es verst\u00e4rkt auch Auseinandersetzungen mit dem Geschichtsrevisionismus \u0096 Stichwort etwa \u00bbsaubere Wehrmacht\u00ab \u0096, mit der Diffamierung des kommunistischen Widerstandes, mit rassistischen Ausf\u00e4llen, neofaschistischen Umtrieben und Gefahren. Angesichts solcher Erscheinungen, die zudem auch \u00fcber die Mainstreammedien verbreitet werden \u0096 vor Jahresfrist etwa hie\u00df es in der Berliner Morgenpost: \u00bbDie Ideologie des \u009bAntifaschismus\u008b geh\u00f6rt auf den Schrottplatz der Zeitgeschichte\u00ab \u0096, bleibt die junge Welt unverzichtbar. Die seit Jahren w\u00f6chentlich erscheinende antifa-Seite ist daf\u00fcr als plakatives Aush\u00e4ngeschild nur ein sinnf\u00e4lliger Ausdruck.<\/p>\n<p>In Sachen Solidarit\u00e4t setzte die Junge Welt bereits zwei Monate nach ihrer Gr\u00fcndung ein erstes Wegzeichen, wenngleich hier noch ohne internationale Dimension, aber schon unmittelbar praktisch wirksam werdend: Im April 1947 richtete die Wochenzeitung ein Spendenkonto \u00bbHilfswerk Oderbruch\u00ab ein, um den von einer gro\u00dfen \u00dcberschwemmungskatastrophe im Odergebiet Betroffenen helfen zu k\u00f6nnen. Bis Juni kamen so 87900 Mark zusammen.<\/p>\n<p>Weit mehr noch im Ged\u00e4chtnis verankert d\u00fcrften jedoch jene Aktionen der Zeitung sein, die \u00fcber den Rahmen der Republik hinaus Zeichen setzten: Das reicht von der ersten Protestkartenaktion gegen die in Frankreich geplante Hinrichtung der algerischen Freiheitsk\u00e4mpferin Djamila Bouhired im Jahr 1958, \u00fcber die Gru\u00dfaktion zum 70. Geburtstag des von der Apartheid eingekerkerten Pr\u00e4sidenten des s\u00fcdafrikanischen ANC Nelson Mandela 1998 bis zu den aktuellen Forderungen nach Freilassung des seit 25 Jahren in einer Todeszelle lebenden US-amerikanischen B\u00fcrgerrechtsaktivisten Mumia Abu-Jamal oder den in den USA v\u00f6lkerrechtswidrig festgehaltenen \u00bbCuban Five\u00ab. Parteinehmend engagiert in der Berichterstattung \u00fcber die kubanische Revolution wie \u00fcber die Befreiungsbewegungen auf dem afrikanischen Kontinent oder den Widerstand des vietnamesischen Volkes gegen die Aggressoren aus den USA. Solidarit\u00e4t galt der Unidad Popular in Chile wie dem Widerstand gegen die m\u00f6rderische Pinochet-Diktatur \u0096 genauso, wie die junge Welt heute Partei ergreift f\u00fcr Hugo Ch\u00e1vez und die bolivarische Revolution in Venezuela oder die Umw\u00e4lzungen in Bolivien.<\/p>\n<p>Ein ganz besonderes Kapitel der internationalen antiimperialistischen Solidarit\u00e4t, das 1971\/1972 von dieser Zeitung ma\u00dfgeblich mitgeschrieben wurde und erst j\u00fcngst eine Fortsetzung fand, galt dem weltweit gef\u00fchrten Kampf um die Freilassung der in den USA von der Todesstrafe bedrohten B\u00fcrgerrechtsk\u00e4mpferin Angela Davis. Zu Hunderttausenden waren die Leserinnen und Leser der FDJ-Zeitung damals dem Ruf gefolgt, ihr eine Million Rosen ins Gef\u00e4ngnis zu senden; um so gr\u00f6\u00dfer die Freude, die \u00bbschwarze Rose aus Alabama\u00ab (so war ein JW-Tatsachenbericht \u00fcber ihr Leben \u00fcberschrieben) nach ihrer erzwungenen Freilassung bei uns begr\u00fc\u00dfen zu d\u00fcrfen. Das war 1972 zum ersten, jedoch nicht zum letzten Mal. Und so war es der jungen Welt im Januar 2005 eine ganz besondere Genugtuung, sie erneut bei uns zu wissen \u0096 als Rednerin auf der von der Redaktion veranstalteten X. Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz.<\/p>\n<p>Womit ein weiteres Kapitel zum Thema junge Welt und antiimperialistische Solidarit\u00e4t aufgeschlagen ist: Von der ersten bis zu der am heutigen Sonnabend stattfindenden XII. waren diese Konferenzen in der Regel auch international angelegt und ausgerichtet \u0096 sowohl mit ihren Themen als auch \u0096 sp\u00e4testens seit 1999 \u0096 mit ihren Podiumsg\u00e4sten. Um hier nur einige aus den letzten Jahren in Erinnerung zu rufen: Gast der V. zum Thema \u00bbKapitalismus im 21. Jahrhundert. Neoliberalismus, Sozialabbau und gewerkschaftliche Gegenwehr\u00ab war im Jahr 2000 unter anderem der stellvertretende Vorsitzende der nun von einem Verbot bedrohten KP B\u00f6hmens und M\u00e4hrens, Miloslav Ransdorf. Ein Jahr sp\u00e4ter diskutierten u.a. John Catalinotto (USA), Maria Rojas (Chile) und Said Dudin (Pal\u00e4stina) \u00fcber \u00bbMenschenrechtsimperialismus und Widerstand\u00ab. Aus Kuba, Ru\u00dfland, Pakistan und Frankreich kamen im Januar 2002 die Referenten zum Thema \u00bbTot oder lebendig. Widerstand in der neuen Weltkriegsordnung.\u00ab \u00bbDie Revolution verteidigen. Strategien der Konterrevolution\u00ab war Gegenstand der IX. im Jahr 2004; u.a. mit Ministerin Ana Elisa Osorio Granado aus Venezuela. Und auch hier war, wie schon zu vorangegangenen Konferenzen, Mumia Abu-Jamals Botschaft aus der Todeszelle zu vernehmen: On a move!<\/p>\n<p>*******<\/p>\n<p><strong>Die Unverbesserliche<\/strong><\/p>\n<p><strong>Mehr als eine linke Tageszeitung \u0096 seit 60 Jahren steht bei der jungen Welt Sozialismus auf dem Plan<\/strong><\/p>\n<p><em>von Dietmar Koschmieder<\/em><\/p>\n<p>Der Autor (Jahrgang 1955) kam 1991 in die Redaktion und ist seit 1995 Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Verlages 8. Mai.<\/p>\n<p>Das \u00f6konomische Lexikon, herausgegeben 1980 im Verlag der Wirtschaft Berlin, beschreibt die \u00dcbergangsperiode vom Sozialismus zum Kapitalismus folgenderma\u00dfen: \u00bbDer Kapitalismus entsteht gesetzm\u00e4\u00dfig im Ergebnis der kapitalistischen Konterrevolution und der kapitalistischen Umgestaltung aller Lebensbereiche vom Sozialismus zum Kapitalismus. W\u00e4hrend der \u00dcbergangsperiode siegen die kapitalistischen Produktionsverh\u00e4ltnisse und die der kleinen Warenproduktion in allen Bereichen und verdr\u00e4ngen die Produktionsverh\u00e4ltnisse des Sozialismus.\u00ab Zwangsl\u00e4ufig f\u00fchre das zur Senkung des Lebensstandards der Werkt\u00e4tigen und durch den Sieg des Kapitalismus entst\u00fcnden \u00bbdie Bedingungen f\u00fcr das uneingeschr\u00e4nkte Wirken der \u00f6konomischen Gesetze des Kapitalismus\u00ab, hei\u00dft es dort weiter.<\/p>\n<p>Abgesehen von dem kleinen Umstand, da\u00df in diesem Text einfach Vorzeichen und Folgen vertauscht wurden (denn in Wirklichkeit wird im Originaltext an dieser Stelle unter dem Stichwort Sozialismus der \u00dcbergang vom Kapitalismus zum Sozialismus durch eine sozialistische Revolu\u00adtion beschrieben), beschreibt der ge\u00e4nderte Text doch ziemlich genau die Situation, in der sich die Junge Welt nach der \u00bbWende\u00ab befand. Verlagsmitarbeiter und Redak\u00adtion mu\u00dften mit den neuen Verh\u00e4ltnissen klarkommen. Die Ver\u00e4nderungen betrafen nicht nur sie pers\u00f6nlich, sondern auch die Gegenst\u00e4nde ihrer Berichterstattung. Zwar half eine marxistisch-leninistische Grundausbildung bei der Analyse der neuen Verh\u00e4ltnisse \u0096 dieses Handwerkszeug schien aber vielen entwertet oder gar unbrauchbar. Und so fand man in den ersten Jahren nach 1989 in der jungenWelt eine bunte Mischung an inhaltlicher Orientierung: Pr\u00e4zise soziale Reportagen neben engagierter Berichterstattung aus Betrieben, in denen schonungslos die neuen Produktions- und Eigentumsverh\u00e4ltnisse durchgesetzt wurden. Aber auch eine vielteilige Serie \u00bbWie werde ich Unternehmer\u00ab neben zahlreichen Ratschl\u00e4gen f\u00fcr Politiker, wie man so manches noch besser machen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Schon damals war klar, da\u00df die neuen Bundesl\u00e4nder Experimentierfelder daf\u00fcr waren, wie Betriebsstillegungen und Massenentlassungen in gro\u00dfem Stil auch im Westen durchgezogen werden k\u00f6nnen. Und wie man drohende Protestbewegungen und Gewerkschaften klein h\u00e4lt, vor allem ihre Vernetzung verhindert. Schon damals spielten Medienexperten eine wichtige Rolle bei der Desinformation. Und nicht nur in den Redaktionen: Der f\u00fcr die Abwicklung von DDR-Betrieben zust\u00e4ndige Treuhanddirektor hatte zuvor seine Eignung f\u00fcr den neuen Job nicht zuf\u00e4llig als Bild-Zeitungsreporter bewiesen. Wenn es sein mu\u00dfte, agitierte er flei\u00dfig mit und war auch pers\u00f6nlich dabei, wenn sich Hunderte Besch\u00e4ftigte per Handzeig ihrer Rechte entledigten. Es gab zwar gro\u00dfe Kampfbereitschaft in den ehemaligen DDR-Betrieben, aber niemanden, der diese Bereitschaft zu einem einheitlichen und geschlossenen Kampf gef\u00fchrt h\u00e4tte. So ging es zu wie in den Bauernkriegen: Mit bescheidenem Aufwand reiste der Treuhanddirektor mit seinem Gefolge von den DKK-K\u00fchlschrankherstellen in Scharfenstein \u00fcber die Kalikumpels von Bischofferode zu den Stahlwerkern von Sket in Magdeburg. Und warf eines nach dem anderen der Widerstandsnester nieder. Wie zu erwarten, wurden diese Erfahrungen bald darauf auch im Westen der neuen Republik angewandt. Und als auch dort einheitlicher und \u00fcberregionaler Widerstand nicht zustande kam, war bald im ganzen Deutschland nichts mehr so wie vorher. Auch in der alten BRD gab es erst jetzt Bedingungen f\u00fcr das uneingeschr\u00e4nkte Wirken der \u00f6konomischen Gesetze des Kapitals. Wenn auch unter verschiedenen Vorzeichen und Bedingungen: Die Wende fand h\u00fcben wie dr\u00fcben statt.<\/p>\n<p>Dem massiven Abbau von Arbeitspl\u00e4tzen folgte sehr schnell der Abbau von sozialen und demokratischen Rechten in bisher nicht gekanntem Ausma\u00df. Dieser Proze\u00df geht bis heute ungebremst weiter. Nach Hartz IV und diversen als Antiterrorgesetze verkauften weiteren Einschr\u00e4nkungen wurde Anfang 2007 die gr\u00f6\u00dfte Steuererh\u00f6hung in der deutschen Nachkriegsgeschichte durchgezogen \u0096 wiederum ohne nennenswerten Widerstand. Eine weitere Folge dieser Umgestaltung: Von deutschem Boden geht wieder Krieg aus, ist das Milit\u00e4rische nicht l\u00e4nger Tabu, finden faschistische Demagogen neuen Zuspruch.<\/p>\n<p>Von diesen Entwicklungen blieb die Medienlandschaft nicht unber\u00fchrt: Redaktionen werden aus Kostengr\u00fcnden verkleinert, es ist kaum Platz f\u00fcr eigene Recherche, und so bleibt der Griff zu den Agenturmeldungen und Pressemitteilungen. Der Druck von Wirtschaft, Kirche und Politik auf die Entscheidungstr\u00e4ger w\u00e4chst. Antikommunismus, von intelligenteren B\u00fcrgerlichen einst als Grundtorheit des Jahrhunderts erkannt, wird zur Grundtugend erkl\u00e4rt. Wer da noch gegen Unterdr\u00fcckung und f\u00fcr Befreiungsbewegungen, wer da noch gegen Krieg und f\u00fcr andere Eigentumsverh\u00e4ltnisse eintritt, ja selbst, wer mit solchen Leuten auch nur spricht, die solches vertreten, ist zumindest Verfassungsfeind \u0096 wenn nicht gleich selbst Terrorist. Diesem Druck sind nicht alle gewachsen: Linke distanzieren sich von sich selbst, Redakteure schreiben nicht mehr das, was sie wissen und erkennen. \u00dcberregionale Medien verbreiten fast nur noch die Positionen der Herrschenden.<\/p>\n<p>Diese ver\u00e4nderte Situation hat die Kampfbedingungen der Linken gravierend ver\u00e4ndert. Denn die, die weiter festhalten an einer sozialistischen Perspektive, k\u00f6nnen es sich immer weniger erlauben, in unproduktiven Grabenk\u00e4mpfen ihre verbliebene Kraft weiter zu dezimieren. Der inhaltliche Streit geht weiter, aber es gibt eine neue Bereitschaft zur Zusammenarbeit und Vernetzung. Jahrelang war das kaum mehr als eine theoretisch erkannte M\u00f6glichkeit. Heute wird sie immer mehr zum dringenden Bed\u00fcrfnis: Gewerkschafter und Sozialdemokraten, Revolution\u00e4re und Reformisten, Christen und Anarchisten, Internationalisten und Aktivisten aus diversen Bewegungen erkennen, da\u00df die Zusammenf\u00fchrung der Kr\u00e4fte die einzige Chance ist, sich relevant gegen die neuen Verh\u00e4ltnisse erfolgreich zu Wehr zu setzen \u0096 aber auch wichtige Voraussetzung, um die soziale Demagogie der alten und neuen Nazis zur\u00fcckzudr\u00e4ngen. In einer Zeit, in der fast alle Tagesmedien sich mehr oder weniger auf die eine oder andere Seite des Kapitals geschlagen haben, steht die einzig verbliebene, die mit Analysen, Positionen und Berichten f\u00fcr Antikapitalismus und Sozialismus jahrzehntelange Erfahrung hat, in einer besonderen Verantwortung. Sie wird Bezugspunkt unterschiedlicher Linker \u0096 nicht weil sie so gut ist, wie sie sein sollte, sondern weil es keine Alternative gibt und in absehbarer Zeit auch keine geben wird. Diese banale Erkenntnis setzt die Macherinnen und Macher dieser Zeitung, aber auch die Linke insgesamt in eine besondere Verantwortung. Der Ausbau und die Entwicklung der jungen Welt st\u00e4rkt die Linke im Lande, ihr Niedergang oder gar ihr Verschwinden w\u00fcrde sie hingegen empfindlich schw\u00e4chen. Egal, ob es um theoretische Debatten und Analysen geht, um die Herausbildung einer neuen starken sozialreformerischen Partei, um die St\u00e4rkung der kommunistischen Fraktion innerhalb der Linken und schlie\u00dflich um starke au\u00dferparlamentarische Bewegungen und k\u00e4mpferische, erfolgreiche Gewerkschaften: gemeinsam und mit einer linken unabh\u00e4ngigen Tageszeitung k\u00f6nnen wir daf\u00fcr sorgen, da\u00df das Wirken kapitalistischer \u00f6konomischer Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten nicht uneingeschr\u00e4nkt bleibt und schlie\u00dflich sozialistische Produktionsverh\u00e4ltnisse wieder auf der Tagesordnung stehen.<\/p>\n<p>*******<\/p>\n<p><strong>Absolvent des \u00bbRoten Klosters\u00ab<\/p>\n<p>Vom Volontariat \u00fcber das Journalistikstudium bis ins Redaktionssekretariat<\/strong><\/p>\n<p><em>von Peter Rau<\/em><\/p>\n<p>Der Autor (Jahrgang 1944) war 1966\u00961968 Volont\u00e4r bei der JW und ist seit Abschlu\u00df eines Journalistikstudiums 1974 Mitarbeiter der Redaktion<\/p>\n<p>Mit Journalismus hatte ich urspr\u00fcnglich nichts am Hut. Zwar JW-Leser seit der Oberschulzeit, sah meine \u0096 wie man heute zu sagen pflegt \u0096 Lebensplanung f\u00fcr die Zeit nach dem Abitur anders aus. So stand nach vier Jahren bei der Volksmarine der Nationalen Volksarmee die Frage: Wie weiter? Da half der DDR-Hochschulf\u00fchrer. Der dortige Eintrag der Fakult\u00e4t f\u00fcr Journalistik an der Leipziger Karl-Marx-Universit\u00e4t \u00fcberzeugte; er entsprach der daheim genossenen sozialistischen Erziehung und irgendwie auch eigenen Neigungen, andere mit der in Anf\u00e4ngen begriffenen marxistisch-leninistischen Weltanschauung von der Richtigkeit des sozialistischen Aufbaus in der DDR und von der B\u00f6sartigkeit des Imperialismus zu \u00fcberzeugen. Vorm Studium war allerdings ein Praktikum \u0096 gewisserma\u00dfen als Eignungspr\u00fcfung \u0096 zu absolvieren. Dieses Volontariat hatte mir die Junge Welt angeboten.<\/p>\n<p>Und so betrat ein eben erst in Ehren entlassener Obermaat d. R. am 2. November 1966 zwar ein wenig beklommen, doch auch voller Erwartungen und Neugier das altehrw\u00fcrdige JW-Verlagsgeb\u00e4ude in der Mohrenstra\u00dfe 26\/27 in Berlin-Mitte, in dem die Redaktion seit 1953 ihren Sitz hatte und bis 1975 haben sollte. Zwei S\u00e4tze und eine Frage der k\u00fcnftigen Kollegen in der Abteilung Nachrichten\/Au\u00dfenpolitik sind mir noch in Erinnerung. Der Ressortchef meinte sinngem\u00e4\u00df: Zeit hat hier keiner, sich gro\u00df um dich zu k\u00fcmmern. Wir k\u00f6nnen dich nur ins Wasser schmei\u00dfen, schwimmen lernen mu\u00dft du allein. Dann Frage der aus dem Mecklenburgischen stammenden Absolventin des \u00bbRoten Klosters\u00ab (so ein g\u00e4ngiges Synonym f\u00fcr die Journalistenfakult\u00e4t) am benachbarten Schreibtisch, ob mir bewu\u00dft sei, da\u00df man in diesem Beruf und in dieser Redaktion in erster Linie Jugend- bzw. Parteifunktion\u00e4r und erst in zweiter Instanz ein Schreiber sei? Damit hatte ich, seit acht Jahren Jahren FDJ- und zwei Jahren auch SED-Mitglied, keine Probleme, zumal mir Lenins Wort von der Presse als kollektivem Agitator, Propagandisten und Organisator schon gel\u00e4ufig war. Beim Schwimmenlernen im neuen Metier gab\u0092s dann allerdings doch kr\u00e4ftige Hilfe von den Kollegen.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt war der Umgangston in der Redaktion freundschaftlich und jugendgem\u00e4\u00df locker \u0096 das Durchschnittsalter der damals etwa 80 Mitarbeiter lag bei 30 Jahren; der Chefredakteur etwa, der 1950 als Jugendkorrespondent zur Zeitung gekommen war, hatte gerade seinen 34.Geburtstag begangen; von einem seiner Stellvertreter, von Beruf Klempner, erfuhr ich am Rande einer Abteilungsfete rund um ein ordentliches Fa\u00df Bier, da\u00df er ebenfalls \u00fcber seine T\u00e4tigkeit als Jugendkorrespondent entdeckt und von seinem Gro\u00dfbetrieb weg f\u00fcr die Junge Welt abgeworben worden war. Damit soll gesagt sein, da\u00df in dieser Redaktion keine abgehobene Intelligenzlerschicht oder Elite gehobener FDJ-Kader versammelt war, sondern durchaus eine dem Alltag verbundene Schar junger bzw. junggebliebener Leute. Diesem Mix entsprangen oft unkonventionelle, ausgefallene Ideen \u0096 eine Garantie f\u00fcr die weitestm\u00f6gliche Nutzung der durchaus vorhandenen journalistischen Freir\u00e4ume.<\/p>\n<p>Die Beschr\u00e4nkung der (b\u00fcrgerlicherseits so hochgelobten) Pressefreiheit empfand ich \u00fcbrigens selbst nach dem Studium nicht so. Und was ist schon von einer Pressefreiheit zu halten, von der Altkanzler Helmut Schmidt im Bundestag mal sagte, \u00bbda\u00df in Br\u00fcssel wie in Frankfurt, genauso wie in Bonn, aber anders als in Ost-Berlin die Journalisten Gott sei Dank schreiben d\u00fcrfen, was sie f\u00fcr richtig halten, auch wenn es falsch ist. Sie d\u00fcrfen sogar etwas schreiben, von dem sie wissen, da\u00df es nicht richtig ist.\u00ab<\/p>\n<p>An dieser Stelle bietet sich ein kleiner Exkurs zum Journalistikstudium an, das in meinem Fall 1968 begann (und das ich \u00fcbrigens f\u00fcr mehr als zwei Jahre mit Kommilitonen aus Guinea, Ghana, Nigeria und Frankreich im Seminar bestritt) und 1974 endete: In Leipzig wurde so etwas in der Tat nicht gelehrt, sondern zum Beispiel Karl Marx studiert: \u00bbDie erste Freiheit einer Presse besteht darin, kein Gewerbe zu sein.\u00ab<\/p>\n<p>Die vielgeschm\u00e4hte, in der Tat oft h\u00f6lzerne und schwerverdauliche Sprache in den Zeitungen der DDR war \u00fcbrigens beileibe keine Mu\u00df-Bestimmung, wie die Junge Welt oft genug demonstrierte. Lesbarkeit und Wirksamkeit, Verst\u00e4ndlichkeit und Emotionalit\u00e4t bzw. Ausdruckskraft der Journalisten-Sprache in der DDR zu verbessern, war \u00fcbrigens auch Gegenstand eines Forschungsprojektes in Leipzig, an dem ich w\u00e4hrend meines Studiums selbst mitwirken konnte.<\/p>\n<p>1974 also kehrte ich in die Redaktion zur\u00fcck. Ich hatte ihr ja auch mit regelm\u00e4\u00dfigen Ferieneins\u00e4tzen die Treue gehalten \u0096 frei nach dem Motto \u00bbAlte Liebe rostet nicht\u00ab. (Das mu\u00df ich hier schon der Familie wegen bekennen, von der ich oft genug zu h\u00f6ren bekam und bekomme: Du bist ja mit der Jungen Welt verheiratet!) Die allj\u00e4hrlich den Absolventeneinsatz koordinierende Kommission des ZK der SED (\u00bbKann doch nicht jeder nach Berlin!\u00ab) hatte gl\u00fccklicherweise keine Einw\u00e4nde.<\/p>\n<p>1975 wurde ich von der Nachrichten- in die Propagandaabteilung und 1982 in das Redaktionssekretariat gewechselt. Propaganda \u0096 das klingt nach Holzhammer, war in unserem Fall aber doch was anderes und weit mehr. Dazu geh\u00f6rten neben der journalistischen Begleitung des FDJ-Studienjahres immerhin die Verantwortung f\u00fcr die Bereiche Geschichte und Wissenschaft sowie Milit\u00e4rpolitik, vor allem aber f\u00fcr die 1956 eingef\u00fchrte und seinerzeit rundum beliebte, w\u00f6chentlich erscheinende Antwortseite, die dann am 29. M\u00e4rz 1990 im Zuge der ausufernden DDR-Medien-Kritik eingestellt wurde. \u00bbAntworten\u00ab klang zu sehr nach \u00bbIndoktrination\u00ab &#8230; Ein Wort noch zur Milit\u00e4rpolitik, f\u00fcr die ich zeitweise auch nach 1982 \u0096 zugegebenerma\u00dfen gern \u0096 zust\u00e4ndig war: Gegen die der DDR oft vorgehaltene Durchmilitarisierung der Gesellschaft spricht deren Gewichtung in der Jungen Welt; unsere Milit\u00e4rpolitikseite etwa erschien einmal monatlich, die Seite Wissenschaft und Technik dreimal &#8230;<\/p>\n<p>P.S. Mit der \u00bbWende\u00ab 1989\/1990, mit der nun massiv artikulierten und ausgeteilten Medienschelte stellte sich Lenins ber\u00fchmte Frage ganz neu und ganz individuell: \u00bbWas tun?\u00ab In dieser Redaktion bleiben, \u00fcberhaupt im Beruf bleiben? Im Gegensatz zu manch anderen Kollegen kam eine andere Zeitung f\u00fcr mich nicht in Frage. Die H\u00e4me, mit der heute noch die sozusagen gewendeten DDR-Journalisten bedacht werden, gibt mir im nachhinein Recht. Die Erfahrungen mit dem real existierenden Kapitalismus sorgten allerdings bald daf\u00fcr, da\u00df der vor\u00fcbergehende R\u00fcckzug in eine Art innerer Emigration und die selbstverordnete Schreibpause nicht allzu lange vorhielten. Anteil daran hatten immer wieder auch Leser, die uns zu jeder Nachwendezeit bis heute in allen komplizierten Situationen unterst\u00fctzten und manchmal ziemlich ultimativ zum Erhalt dieser ziemlich einmaligen Stimme aufforderten und ermutigten, den 1990 eingeschlagenen Weg einer unabh\u00e4ngigen linken Tageszeitung trotz mancher Abwege weiterzugehen. Dazu geh\u00f6rt es, Kontrapunkte gegen den schier schrankenlosen b\u00fcrgerlichen Mainstream zu setzen und \u0096 zum Beispiel \u0096 die Geschichte der DDR nicht ihren westdeutschen Interpreten und heutigen Schlechtschreibern zu \u00fcberlassen, sondern sie mit den eigenen DDR-Erfahrungen kritisch aufzuarbeiten, statt sie antikommunistisch verbildeten Delegitimierern zu \u00fcberlassen. Allein auf diesem Feld bleibt auch k\u00fcnftig noch viel zu tun, um aus dem gescheiterten Alternativversuch jene Ans\u00e4tze zu bewahren, aus denen heraus eine andere Welt m\u00f6glich wird. Mehr denn je gilt schlie\u00dflich eine jener Lieblingssentenzen des weltweit bekannten Wirtschaftshistorikers und langj\u00e4hrigen, ich glaube seit 1972, Autoren dieser Zeitung Prof. J\u00fcrgen Kuczynski: Sozialismus oder Barbarei.<\/p>\n<p>*******<\/p>\n<p><strong>Der Pionierleiter hatte immer Recht<\/p>\n<p>Bei der ersten Begegnung mit der jungen Welt war die Welt noch in Ordnung<\/strong><\/p>\n<p><em>von Wera Richter<\/em><\/p>\n<p>Die Autorin (Jahrgang 1969) absolvierte 1999\/2000 ein Praktikum bei der jW und geh\u00f6rt seit 2004 fest zur Redaktion.<\/p>\n<p>Ich bin schon mehrmals in der DDR im Kinderferienlager gewesen. Ich habe mir alles genau angesehen und vieles von dem, was ich sah, verglichen mit meinen Erlebnissen in der BRD. Hier in der DDR habe ich den herrlichen Pionierpalast und die sch\u00f6ne Pionierrepublik kennengelernt. Auch wir wollen H\u00e4user, in denen wir basteln, tanzen, singen und spielen k\u00f6nnen. Aber daf\u00fcr ist in unserem Land kein Geld da.\u00ab Das war mein erster Kontakt zur Jungen Welt, die nach dem VII. Pioniertreffen in Dresden 1982 unter der \u00dcberschrift \u00bbKinder der Welt klagen den Imperialismus an\u00ab auch \u00bbWera aus der BRD\u00ab zu Wort kommen lie\u00df.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich konnte ich damals als Zw\u00f6lfj\u00e4hrige schon erkl\u00e4ren, da\u00df das fehlende Geld in die R\u00fcstung flie\u00dft und deshalb der Br\u00fcsseler Raketenbeschlu\u00df dringend vom Tisch mu\u00df. Die Rede, die ich f\u00fcr die Delegation der Jungen Pioniere hielt, begann mit den Worten \u00bbAuch mein Vater ist ein Arbeiter.\u00ab Der unterrichtete damals Architektur an der Fachhochschule Dortmund, und ich handelte mir wegen dieses Satzes, den ich auf keinen Fall vorlesen wollte, den ersten Krach mit meinem Pionierleiter ein.<\/p>\n<p>Den zweiten Knatsch hatte ich sp\u00e4ter mit Pionierleitern der FDJ. Da war ich bei einer Kinderferienfahrt in die DDR Jugendbetreuerin einer Gruppe Dortmunder Nordstadtkids, die am Abend nach dem Besuch einer KZ-Gedenkst\u00e4tte durch das Pionierlager rannten und \u00bbNazis raus\u00ab an die Unterk\u00fcnfte spr\u00fchten. Ich fand das ziemlich gut und den richtigen Lerneffekt. Die Freunde von der FDJ fanden es aber \u00fcberhaupt nicht witzig. Nicht wegen der beschmierten W\u00e4nde, sondern weil es in der DDR doch keine Nazis gab. Friedenspanzer, Morgenappelle, gute \u00c4rzte gegen Homosexualit\u00e4t und am Ende die vers\u00f6hnliche Frage \u00bbBrauner oder Wei\u00dfer?\u00ab geben noch heute abendf\u00fcllenden Stoff unter Alt-SDAJlern.<\/p>\n<p>Lebensl\u00e4nglich die Antifaseite betreuen zu d\u00fcrfen \u0096 zun\u00e4chst bei der UZ, schlie\u00dflich bei der jungen Welt \u0096 war dann vermutlich die gerechte Strafe f\u00fcr meinen Fauxpas beim Dortmunder Hammelsprung 1989. Bei der Abstimmung \u00fcber die Zukunft des sozialistischen Jugendverbands ging ich zielstrebig durch die falsche T\u00fcr, verlie\u00df damit die in der SDAJ verbleibenden \u00bbBetonk\u00f6pfe\u00ab und fand eine Weile politisches Asyl bei den Schwarzgekleideten mit Sonnenbrille und Kapuze. Als die DKP 1993 mit den \u00bbBottroper Wasserspielen\u00ab, dem Pressefest der UZ \u009293, unter Beweis stellte, da\u00df sie immer noch feste feiern konnte, ging es \u00bbzur\u00fcck zum Beton\u00ab. Nicht nur wegen der Party, sondern weil doch klar war, da\u00df der Kapitalismus nicht das Ende der Geschichte ist und die leidige Organisationsfrage beantwortet sein will. Da gab es l\u00e4ngst in ganz Deutschland keine H\u00e4user mehr, in denen Kinder kostenlos basteln, singen, tanzen und spielen konnten. Daf\u00fcr in beiden Teilen Deutschlands organisierte Neofaschisten und die \u00bbEnttabuisierung des Milit\u00e4rischen\u00ab.<\/p>\n<p>Die junge Welt blieb \u00fcber die Zeit immun gegen antikommunistische Attacken, etablierte sich vor allem als konsequente Antikriegszeitung und handelte sich daf\u00fcr Eintr\u00e4ge in Verfassungsschutzberichte ein. Da\u00df es mich deshalb zu dieser Zeitung gezogen hat, w\u00e4re \u00fcbertrieben. Nach jahrelanger Gartenarbeit ging es zun\u00e4chst zur UZ, der DKP-Wochenzeitung, und dann zum Journalistikstu\u00addium. An der Dortmunder Uni bescheinigte man mir, da\u00df ich nicht in der Lage sei, zwischen Hausarbeiten und politischen Pamphleten zu unterscheiden. Auf der Suche nach einem Volontariatsplatz, der den Weg ins Hauptstudium ebnen sollte, waren sich die Chefredakteure diverser Lokalzeitungen nach Durchsicht der Mappe mit vor allem UZ-Artikeln schnell einig, da\u00df ich nicht zwischen Nachricht und Kommentar unterscheiden k\u00f6nne. So landete die Bewerbung schlie\u00dflich bei der jungen Welt, wo noch nicht gekl\u00e4rt war, ob die Zeitung f\u00fcr westlinke Sekten und Randgruppen gemacht wird oder Interessenvertreterin der Ostdeutschen sein will oder beides oder noch ganz was anderes. Nach dem Volontariat f\u00fchrte der Weg 2000 noch einmal zur\u00fcck in den Ruhrpott, nicht mehr zur Uni, sondern in die UZ-Redaktion.<\/p>\n<p>Nun wieder in Berlin, erstaunt die wilde Mischung von Kommunisten, Trotzkisten, Oskaristen und irgendwie Linken aus Ost und West, die hier unter einem Dach lebt oder arbeitet. Die w\u00fcrde wohl kaum einen gemeinsamen Demoaufruf zustande bringen. Aber die Fragestellung der diesj\u00e4hrigen Rosa-Luxemburg-Konferenz \u00bbWorin unsere Schw\u00e4che besteht \u0096 was hindert die Linken ihre Kr\u00e4fte zu b\u00fcndeln?\u00ab steht in den Redaktionsr\u00e4umen weniger scharf, weil am Abend eine Zeitung druckreif sein mu\u00df. Da bleibt manches unausdiskutiert, aber am Ende werden die Fragen ja immer noch drau\u00dfen und nicht drinnen entschieden.<\/p>\n<p>*******<\/p>\n<p><strong>Die JW zur Wendezeit oder: Wie macht man eine Zeitung, wenn jeder Tag ein Chaostag ist?<\/strong><\/p>\n<p><em>von Roland Etzel<\/em><\/p>\n<p>Der Autor (Jahrgang 1950) war nach einem Studium der Arabistik an der Karl-Marx-Universit\u00e4t Leipzig von 1974 bis 1994 Redakteur, ab 21. November 1989 stellvertretender Chefredakteur der Zeitung<\/p>\n<p>Wann und wie begann sie eigentlich \u0096 die Wendezeit in der Jungen Welt? F\u00fcr den politischen Umbruch in der DDR gibt es neuralgische Daten: Gro\u00dfdemoS in Leipzig und Berlin, Honecker-R\u00fccktritt, Mauer\u00f6ffnung\u0085 Der Staat wurde viel schneller abgewickelt, als selbst seine frei gew\u00e4hlten Konkursverwalter es planten, und versenkte manche mit, die wie Galeerensklaven an ihn geschmiedet waren. Auch die bis Mitte 1989 noch so stolze FDJ, deren Sprachrohr die Junge Welt ja war, verschwand kampflos im Orkus.<\/p>\n<p>M\u00fc\u00dfig zu erw\u00e4hnen, da\u00df in der nicht weniger stolzen Jungen Welt gar keiner Lust auf Untergang hatte und auch kaum einer \u00fcberhaupt einen Gedanken daran verschwendete. War ja zun\u00e4chst auch gar nicht n\u00f6tig, denn die Abendd\u00e4mmerung des Landes kam den meisten Medien als schillerndstes Morgenrot daher. Das s\u00fc\u00dfe Wort Pressefreiheit durchw\u00f6lkte die Gro\u00dfr\u00e4ume und ri\u00df selbst die tr\u00e4gsten Hirne zu eigenen Gedankeng\u00e4ngen hin.<\/p>\n<p>Anfang Oktober 1989 hatte sich die Staatsf\u00fchrung zaghaft entschlossen, ihre politischen Stehversuche zu beenden. Ein Schritt nach vorn oder ein Zur\u00fcckweichen vor der Realit\u00e4t? Wahrscheinlich beides. In jenen Tagen hatte die Chefredaktion auf abenteuerlichen Wegen einem Brief des Pr\u00e4sidenten des Schriftstellerverbandes den Weg ins Blatt gebahnt, der in kantig geschliffenen Worten von unakademischer Klarheit neues Denken einforderte. Das sprach sich rum.<\/p>\n<p>In den folgenden Wochen \u00fcberschlugen sich die Ereignisse, im Staate DDR wie im Mikrokosmos Junge Welt. Kein nennenswertes Gremium des Landes blieb ohne F\u00fchrungsr\u00fccktritte, vom SED-Politb\u00fcro bis zur Kreisebene der Sportverb\u00e4nde. Auch die Chefredaktion verabschiedete sich, aus freien St\u00fccken. Der neu eingesetzte Chefredakteur durfte sich selbst ein F\u00fchrungsteam aussuchen. Auch ich geh\u00f6rte dazu. Es gelang uns, einen aus der alten Garde, den k\u00fcrzlich verstorbenen Dieter Rothe, zum Bleiben zu \u00fcberreden. Eine Redaktionsvollversammlung best\u00e4tigte alle Personalentscheidungen \u0096 zum ersten und auch zum letzten Mal.<\/p>\n<p>Erfahrung, Entscheidungskraft und Verl\u00e4\u00dflichkeit waren gerade damals bitter n\u00f6tig, denn alles um uns herum war, wenn nicht schon in Aufl\u00f6sung, so doch in heftigster Bewegung: der Staat, dessen so schnelles Ende noch nicht zu ahnen war, die gesamte politische Landschaft, die Industrie und nicht zuletzt die Gef\u00fchlswelt der Menschen. Und mittendrin ein papierenes Schiffchen namens Junge Welt \u0096 inmitten untergehender Tanker.<\/p>\n<p>Ungeachtet dessen ging es zun\u00e4chst aufw\u00e4rts \u0096 mit der Auflage. Zum Feiern war indes kaum einem von uns zumute. Zu sehr trieben uns die Ereignisse, als da\u00df ich sagen k\u00f6nnte, wir h\u00e4tten die folgenden Entscheidungen immer nach reiflicher \u00dcberlegung treffen k\u00f6nnen. So mancher, mit dem wir heute noch Druck, Produk\u00adtion, Vertrieb und anderes verhandelten, war morgen schon nicht mehr im Amt.<\/p>\n<p>Leichter wurde es deshalb nicht. Zwar arbeitete die gesamte Redaktion mit Inbrunst das t\u00e4glich neue Chaos im Lande auf, aber die \u00e4u\u00dferen Bedingungen wurden st\u00e4ndig schlechter. Obwohl der Ministerrat Regeln erlassen hatte, welche Westzeitungen in welcher St\u00fcckzahl \u00fcber die offene Grenze in die DDR gelangen d\u00fcrften, haben die Medienkonzerne in der BRD dar\u00fcber bestenfalls herzlich gelacht. Sie \u00fcberschwemmten das Land mit ihrem Papier, und so wie alle DDR-Betriebe der neuen Konkurrenz ziemlich hilflos ausgesetzt waren, so ging es auch uns.<\/p>\n<p>Und zwar steil bergab. Gr\u00fcnde daf\u00fcr gab es viele. Eine wesentliche Ursache f\u00fcr das Sinken der Auflage war ganz gewi\u00df unsere Entscheidung, die einsetzende allgemeine und kritiklose Einheitsbesoffenheit nicht mitzumachen. Auch hielten wir trotzig am Gedanken eines demokratischen Sozialismus fest. Die gewendeten Zeitungen der DDR, besonders von Ost-CDU und LDPD, obwohl ebenfalls unter heftigem Auflagenverfall leidend \u0096 fielen zum eigenen Trost gern \u00fcber uns her. Wir haben es ihnen sp\u00e4ter mit Nachrufen danken k\u00f6nnen. Nervender war, da\u00df kaum eine Woche verging, in der wir nicht mit \u0096 zumeist uneingeladenem \u0096 Besuch aus dem Westen zu k\u00e4mpfen hatten. Ganze Gruppen von \u00bbKollegen\u00ab von Hamburg bis M\u00fcnchen fielen ein und verlangten von uns ungeniert Tips f\u00fcr ihre neuen Ost-Reporter, wenn nicht gar unsere Quellen. Und aus Naivit\u00e4t und Unsicherheit haben wir sie viel zu selten rausgeschmissen.<\/p>\n<p>Andere wollten uns gleich ganz haben, denn noch hatten wir ja eine f\u00fcr sie atemberaubend hohe Auflage. Damals nicht, aber im nachhinein zum Lachen war der Versuch einer Gruppe Demonstranten, die meinten, wegen unserer Vergangenheit m\u00fc\u00dfte die Redaktion in demokratische H\u00e4nde \u00fcbergeben werden, und zwar in ihre. Stundenlang belagerten sie das Vestib\u00fcl des Hauses \u0096 ehe die Pf\u00f6rtner die Revolution f\u00fcr beendet erkl\u00e4rten, denn sie wollten nach Hause. Schwerer wog schon der Versuch einer zwar sehr wohlklingend formulierten, aber ebenfalls kaum freundlich gemeinten \u00dcbernahme. Der Chef eines gro\u00dfen Hamburger Verlagshauses offerierte uns die Aussicht, das erste Boulevardblatt f\u00fcr den Osten zu werden. Die Begeisterung hielt sich in engen Grenzen, und vielleicht entschied er sich auch deshalb f\u00fcr ein anderes Berliner Blatt.<\/p>\n<p>Dort lie\u00df sich auch viel besser mit Anzeigen eine Menge Geld verdienen. F\u00fcr uns als \u00fcberregionale Zeitung ohne einen Mediengiganten aus dem Westen im R\u00fccken und mit noch dazu unwillkommener politischer Botschaft interessierte sich so gut wie kein Werbekunde. Dabei waren wir noch im Dezember 1989 die erste DDR-Tageszeitung gewesen, die eine kommerzielle Anzeige geschaltet hatte und so auch die ersten D-Mark verdiente. In unserer Naivit\u00e4t diskutierten wir danach dar\u00fcber, f\u00fcr welche Bereiche wir in der JW auf keinen Fall werben lassen wollten: Alkohol, Tabak, Pornographie, Banken, Dritte-Welt-Ausbeuter\u0085 Es er\u00fcbrigte sich schlie\u00dflich, denn die Angebote blieben aus.<\/p>\n<p>Bisweilen haben wir uns aber auch selbst ins Knie geschossen. Ein neues Layout sollte 1990 unbedingt her. Die anderen DDR-Zeitungen hatten das ja inzwischen auch alle. Aber es mu\u00dfte nat\u00fcrlich eine Firma aus dem Westen sein. Das Blatt war danach jedenfalls nicht mehr wiederzuerkennen, jedenfalls nicht als ernstzunehmende Tageszeitung. Da\u00df ich damals bei der Pr\u00e4sentation aus falsch verstandener Loyalit\u00e4t und auch mangelnder Sachkunde tapfer mitgel\u00e4chelt habe, kann ich mir noch heute kaum verzeihen. Mit dem Leser ging das nicht so einfach oder gar nicht. Es hagelte Abbestellungen, sicher nicht allein wegen des Layouts, aber angegeben als Begr\u00fcndung wurde es oft.<\/p>\n<p>* Vieles, was wir damals zu entscheiden hatten, ist sicher aus heutiger Sicht abenteuerlich zu nennen. Aber vielleicht war ja auch nicht alles falsch, denn immerhin: Das Abenteuer Junge Welt dauert an. Ich erinnere mich eines Tages Mitte 1990, da der schon erw\u00e4hnte Dieter Rothe in der Chefredaktion mit ernstem Blick und fl\u00fcsternder Stimme mitteilte, da\u00df die Auflage jetzt nur noch bei 500000 liegt. Die Besorgnis von damals w\u00e4re doch eine sch\u00f6ne Zukunftsvision.<\/p>\n<p>*******<\/p>\n<p><strong>Realismus \u00e0 la Che<\/strong><\/p>\n<p><strong>Das Unm\u00f6gliche versucht: Im M\u00e4rz 1995 war die junge Welt am Ende. Mitarbeiter und Leser machten ein Startup der besonderen Art daraus \u0096 und gr\u00fcndeten eine Genossenschaft<\/strong><\/p>\n<p><em>von Klaus Fischer<\/em><\/p>\n<p>Klaus Fischer (Jahrgang 1951) ist seit 1994 Redakteur der jungen Welt und Gr\u00fcndungsmitglied der jW-Genossenschaft.<\/p>\n<p>Der M\u00e4rz 1995 war ein besonderer Pleitemonat: Neben zahlreichen in- und ausl\u00e4ndischen Firmen, wie z.B. dem US-Supercomputerhersteller Cray, meldete die azzurro Medien GmbH am 5. April Insolvenz an. Letzteres mochte in der weiten und nahen Welt kaum registriert worden sein, w\u00e4re da nicht ein besonderer Umstand gewesen: In jenem Verlagskonstrukt wurde die junge Welt publiziert, und f\u00fcr viele war klar: Hier wurde ein weiteres St\u00fcck DDR zu den Akten gelegt. Und tsch\u00fcs.<\/p>\n<p><strong>Keine Nostalgie<\/strong><\/p>\n<p>Allerdings war die jW inzwischen ein wenig mehr, als ein m\u00fchsam \u00fcber die \u00bbWende\u00ab gerettetes St\u00fcck Geschichte jener aufgegebenen Republik. Eine h\u00f6rbare Gegenstimme gegen nationalistisches Einheitsges\u00fclze zum Beispiel, gegen pl\u00f6tzlich wieder \u00bbf\u00fchrbare\u00ab Kriege und eine kapitalistische Globalisierung, die alles und jeden der Verwertungsdoktrin gro\u00dfer Shareholder unterwerfen will. Die junge Welt schrieb als einzige, da\u00df Rostock und Hoyerswerda keine Ost-Ph\u00e4nomene waren. Dort war zu lesen, da\u00df der angeblich so neue Faschismus auf dem Mist einer nie erfolgten Entnazifizierung in Westdeutschland wurzelte. Diese Stimme sollte auf solch profane Weise verstummen?<\/p>\n<p>Nein, sagten ein paar Mitarbeiter der Zeitung, und begannen fieberhaft nach Rettungsm\u00f6glichkeiten zu suchen. Viele Leserinnen und Leser unterst\u00fctzten diesen Versuch, einen neuen Anfang zu wagen. Hunderte von Leserbriefen beschworen die Redaktion, nicht aufzugeben. Doch guter Wille und sozialistische Ideale reichen nicht, um eine Zeitung auf den Markt zu bringen. Dazu braucht es Geld. Eine Menge sogar. Und eine neue Firma, die die Zeitung verlegen konnte.<\/p>\n<p>Irgendwie klappte es, und das jW-Projekt wurde zum Startup der besonderen Art: Zwei Redakteure gr\u00fcndeten eine GmbH. Besch\u00e4ftigte erkl\u00e4rten sich bereit, eine gewisse Zeit unentgeltlich zu arbeiten. Leserinnen und Leser gew\u00e4hrten der Zeitung einen Vertrauensvorschu\u00df, indem sie ihre Abonnements nicht k\u00fcndigten bzw. neue schalteten. Hatten doch die alten Besitzer der jW noch Kasse gemacht, Monats, Quartals-, Halbjahres- und Jahresabonnements eingezogen. Die neue Firma \u0096 u.a. wegen des nahenden 50. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus Verlag 8. Mai genannt \u0096 \u00fcbernahm die Lieferverpflichtungen aus den kassierten Abos. Zulieferer und Kooperationspartner wie Druckerei, Satz, Vertriebsfirmen oder Nachrichtenagenturen lie\u00dfen erkennen, da\u00df sie mitspielen w\u00fcrden. Bedingung wie Hoffnung zumeist: eine Mindestgarantie auf Weitererscheinen der Zeitung. Manche davon wollten allerdings Cash sehen. So brachten beispielsweise die Mitarbeiter das Geld f\u00fcr die erste Druckrechnung selbst auf \u0096 eine f\u00fcnfstellige Summe.<\/p>\n<p><strong>Kein Osterwunder<\/strong><\/p>\n<p>Seit 13. April 95 gab es wieder eine junge Welt. Manche nannten es ein rotes Osterwunder, andere mutma\u00dften dunkle Machenschaften und Geldgeber aus der kommunistischen Weltverschw\u00f6rung. Doch die erste \u00bbMutausgabe\u00ab der jW nach dem Konkurs lie\u00df sich mehr mit den Worten Ernesto Guevaras erkl\u00e4ren: \u00bbSeien wir realistisch. Versuchen wir das Unm\u00f6gliche.\u00ab Real war sie, die wiedererstandene junge Welt. D\u00fcnner allerdings als die Alte, ein Provisorium, das kaum \u00fcber den Monat hinaus geplant werden konnte. Allen Beteiligten war klar: Nur aus den monatlichen Aboeinnahmen, aus Spenden und unentgeltlichen Leistungen der Mitarbeiter lie\u00df sich kein zukunftsf\u00e4higes Projekt gestalten. Eine Sicherung der Finanzierung \u00fcber Banken schlo\u00df sich von vornherein aus. Allein eine Bank zur Gesch\u00e4ftsabwicklung des neuen Verlages zu finden war schon m\u00fchsam genug. An Kreditite von den Geldh\u00e4usern f\u00fcr ein linkes Zeitungsprojekt war \u00fcberhaupt nicht zu denken. Also verfielen die Beteiligten auf die Genossenschaftsidee.<\/p>\n<p><strong>Muttergesellschaft<\/strong><\/p>\n<p>Das mochte der angemessene Weg sein, \u00bbKapital\u00ab f\u00fcr ein Projekt zu sammeln, das sich im rauhen kapitalistischen Marktgeschehen behaupten mu\u00dfte. Auf diese Weise konnten Sympathisanten und Leser in das Projekt eingebunden und gleichzeitig die redaktionelle Unabh\u00e4ngigkeit der Zeitung erhalten werden. Am 7. Oktober 1995 wurde in Berlin-Treptow die Linke Presse-, Verlagsf\u00f6rderungs- und Beteiligungsgenossenschaft gegr\u00fcndet. Aus dem offiziellen Namen wurde im Tagesgebrauch bald schlicht \u00bbLPG junge Welt\u00ab. Doch allein das amtliche Namensmonster deutete an, welch b\u00fcrokratische Hindernisse notwendig waren, eine funktionierende Kapitalgesellschaft dieser Art auf die Beine zu stellen. Zwei Jahre sollten vom Gr\u00fcndungsakt bis zur Eintragung ins amtliche Genossenschaftsregister Berlins vergehen. Knapp drei Jahre, eine existenzbedrohende Krise und zahlreiche \u00bbunl\u00f6sbare\u00ab Probleme sp\u00e4ter war es so weit. Aus der Kopfgeburt vom Oktober \u009295 wurde Realit\u00e4t, als im Februar 1998 die LPG junge Welt Mehrheitseigner der Verlags-GmbH wurde.<\/p>\n<p>Diese gewollte, freundliche \u00dcbernahme stabilisierte das Gesamtprojekt Tageszeitung junge Welt. Die Genossenschaft wandelte sich vom arbeitsaufwendigen Anh\u00e4ngsel zur tats\u00e4chlichen Muttergesellschaft f\u00fcr die junge Welt. Jedes neugewonnene Mitglied trug und tr\u00e4gt mit seinen eingezahlten Genossenschaftsanteilen \u0096 ein Anteil zu 1000 DM bzw. sp\u00e4ter zu 500 Euro \u0096 zur finanziellen Absicherung der Unternehmung bei. Den dabei engagierten Leserinnen und Lesern war stets klar: Wir sind Kapitalgeber f\u00fcr ein linkes Medienprojekt. Renditen im materiellen Sinne sind kaum zu erwarten. Die Abonnenten und Genossenschafter der Zeitung erwarten ihre Dividende als t\u00e4gliche, aktuelle und bissige jW.<\/p>\n<p>*******<\/p>\n<p><strong>Weitere Beitr\u00e4ge aus der Geburtstagsbeilage der Jungen Welt, lesen Sie <a href=\"http:\/\/andreas-gruenwald.de\/alte-webseite\/2007\/01\/16\/title1560018\/\" target=\"_self\">hier<\/a>.<\/strong><\/p>\n<p>Quelle f\u00fcr alle Beitr\u00e4ge: Sonderbeilage der Jungen Welt am 13. Januar 2007<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>16. Januar 2007 Die Junge Welt wird am 12. Februar 60 Jahre alt, denn kurz nach dem Krieg, am 12. Februar 1947, erschien bereits das erste Exemplar. Heute ist diese Zeitung &#8211; und trotz aller R\u00fcckschl\u00e4ge &#8211; das wohl wichtigste Medium, das die sozialistische und antikapitalistische Linke in Deutschland noch hat. 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