{"id":1023046,"date":"2005-02-24T13:09:04","date_gmt":"2005-02-24T13:09:04","guid":{"rendered":"http:\/\/andreas-gruenwald.de\/alte-webseite\/2005\/02\/24\/will_sich_israel_wirklich_auf_den_friede1023046\/"},"modified":"2005-02-24T13:09:04","modified_gmt":"2005-02-24T13:09:04","slug":"will_sich_israel_wirklich_auf_den_friede1023046","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/andreas-gruenwald.de\/alte-webseite\/2005\/02\/24\/will_sich_israel_wirklich_auf_den_friede1023046\/","title":{"rendered":"\u0084Will sich Israel wirklich auf den Friedensprozess einlassen?\u0093 \/\/ Politische Berichte"},"content":{"rendered":"<p><strong>Gespr\u00e4ch mit Moshe Zuckermann \u00fcber innergesellschaftliche<br \/>\nSpannungen in Israel, Voraussetzungen f\u00fcr eine L\u00f6sung des Konflikts mit den Pal\u00e4stinensern und Antisemitismus in Europa<\/strong><\/p>\n<p>F: Im Dezember hat Israels Ministerpr\u00e4sident Ariel Scharon ein gutes Jahr f\u00fcr sein Land angek\u00fcndigt. Er bezog dies auf den israelisch-pal\u00e4stinensischen Konflikt, aber auch auf den \u00f6konomischen Bereich. Ist ein Ausweg aus der Wirtschaftskrise erkennbar?<\/p>\n<p>Das ist miteinander verschwistert. Ein Grund f\u00fcr die \u00f6konomische Krise ist die Intifada, ist der israelisch-pal\u00e4stinensische Krieg. Ohne politischen Aufschwung kann es keinen \u00f6konomischen geben. Kommt es zu einer Neubelebung des Friedensprozesses, k\u00f6nnte es sein, da\u00df die Wirtschaft wieder anspringt.<\/p>\n<p>F: Das statistische Amt meldete, da\u00df mehr als eine Million Menschen unterhalb der Armutsgrenze leben. Ist die israelische Gesellschaft eine zerrissene Gesellschaft?<\/p>\n<p>Die Zerrissenheit der israelischen Gesellschaft ist seit vielen Jahren durch mehrere Konfliktachsen gekennzeichnet: die j\u00fcdisch-arabische, sowohl in Israel als auch in den in den besetzten Gebieten; die Konfliktachse zwischen orientalischen und ashkenasischen Juden; der Konflikt zwischen religi\u00f6sen und s\u00e4kularen Juden. Hinzu kommen Klassendiskrepanzen, wobei sich aber ethnische und klassenm\u00e4\u00dfige Widerspr\u00fcche \u00fcberlappen. Ashkenasische Juden sind weitgehend die, die die oberen Schichten der Gesellschaft ausmachen. In den unteren Schichten dominieren orientalische Juden. Darunter sind die Araber. Noch tiefer stehen die 350 000 Gastarbeiter aus Thailand, den Philipinen, Rum\u00e4nien oder Schwarzafrika. Seit 50 Jahren ist die israelische Gesellschaft mehrfach zersplittert. Ob das zum Tragen kommt, ist immer auch davon abh\u00e4ngig, ob es \u00e4u\u00dfere Konflikte gibt. In Kriegszeiten oder bei gr\u00f6\u00dferen Auseinandersetzungen mit der arabischen oder pal\u00e4stinensischen Seite sind die inneren Konflikte weniger sichtbar. In der Tat leben etwa 20 Prozent der Bev\u00f6lkerung unterhalb der vom Staat selbst gesetzten Armutsgrenze. Darunter viele Araber, \u00c4thiopier, orthodoxe Juden. Vermutlich auch viele der \u00fcber eine Million in den 90er Jahren zugewanderten russischen Einwanderer.<\/p>\n<p>F: Im Nahost-Konflikt gibt es seit der Wahl von Mahmoud Abbas, besser bekannt als Abu Mazen, zum neuen pal\u00e4stinensischen Pr\u00e4sidenten wieder Hoffnung. Warum entschieden sich die Pal\u00e4stinenser eigentlich f\u00fcr den Wunschkandidaten von Scharon und Georg W. Bush?<\/p>\n<p>Abu Mazen ist von den pal\u00e4stinensischen W\u00e4hlern mit \u00fcber 60 Prozent gew\u00e4hlt worden. Das hatte sicherlich mit dem Vakuum nach dem charismatischen Arafat, der aber ausgegrenzt und ausgeschaltet war, zu tun. Gew\u00e4hlt wurde Abu Mazen, weil er die pal\u00e4stinensische Gesellschaft repr\u00e4sentiert. Wer h\u00e4tte denn sonst gew\u00e4hlt werden sollen? Die Hamas und der Dschihad tragen die pal\u00e4stinensische Gesellschaft nicht. Das Abu Mazen auch der Wunschkandidat von Bush und Scharon gewesen ist, geht damit einher, da\u00df sich auch die Pal\u00e4stinenser mehr ins Einvernehmen mit Israel und der Hegemonialmacht USA setzen m\u00f6chten. Die gro\u00dfe Frage ist, ob er, ohne dabei die Interessen der Pal\u00e4stinenser zu verraten, die anstehenden politischen Fragen auch mit Scharon aushandeln kann. Das mu\u00df man sehen.<\/p>\n<p>F: Ist das nicht auch Ausdruck eines Ersch\u00f6pfungszustandes in der pal\u00e4stinensischen Gesellschaft?<\/p>\n<p>Das ist zweifelsfrei auch Ausdruck eines Ersch\u00f6pfungszustandes. Den kann ich auch daran festmachen, was ich von pal\u00e4stinensischen Kollegen h\u00f6rte, als ich sie fragte, wie sie den Plan von Scharon beurteilen, sich aus dem Gazastreifen zur\u00fcckzuziehen. Dieser Abzug soll ja auch bedeuten, da\u00df man bei der Frage der Westbank freie Hand beh\u00e4lt, den Besatzungszustand zu zementieren. Das w\u00e4re aber eine Garantie daf\u00fcr, da\u00df es da nur schlimm aussehen kann. Pal\u00e4stinensische Kollegen aus dem Gazastreifen sagten mir, da\u00df sie derartig die Schnauze voll haben von israelischen Siedlern und Milit\u00e4r und derma\u00dfen ausgepowert sind, da\u00df sie einfach eine Zeit der Ruhe brauchen. Unabh\u00e4ngig davon, ob die Absichten von Scharon nun honorig sind oder nicht, w\u00e4re allein schon der Abzug aus dem Gazastreifen positiv. In der Tat ist auch die pal\u00e4stinensische Gesellschaft von Ersch\u00f6pfung gekennzeichnet. Man redet immer vom Kampf. Aber dieser kostet gesellschaftliche und \u00f6konomische Ressourcen.<\/p>\n<p>F: Nach einer Meinungsumfrage vom Juni 2004 unterst\u00fctzen 57 Prozent der Pal\u00e4stinenser eine Zwei- Staaten-L\u00f6sung, 24 Prozent sehen in der Gr\u00fcndung eines bi-nationalen Staates eine L\u00f6sung, nur zw\u00f6lf Prozent wollen die Schaffung eines islamischen Staates.<\/p>\n<p>Da\u00df die Pal\u00e4stinenser eine Zwei-Staaten-L\u00f6sung wollen, ist nichts Neues. Die gro\u00dfe Frage ist eher, ob Israel daran interessiert ist und wenn ja, an welcher Zwei-Staaten-L\u00f6sung? Wenn die Zwei-Staaten-L\u00f6sung bedeutet: Israel zieht sich aus dem Gazastreifen und der Westbank zur\u00fcck, dann w\u00fcrde der Frieden schon morgen von pal\u00e4stinensischer Seite zu haben sein. Auf der israelischen Seite bei weitem nicht. F\u00fcr Scharon ist mitnichten abgemacht, da\u00df er die Westbank oder deren gr\u00f6\u00dften Teil zur\u00fcckgeben will.<\/p>\n<p>F: Der Gush-Shalom-Aktivist Uri Avnery schrieb, da\u00df die Chance f\u00fcr die Auss\u00f6hnung von Juden und Pal\u00e4stinensern nie gr\u00f6\u00dfer gewesen sei, als jetzt. Teilen sie diese Einsch\u00e4tzung?<\/p>\n<p>Ja. Dauerhafter Frieden ist aber nur zu erreichen, wenn die israelische Politik bereit ist, vier Bedingungen zu akzeptieren: Abzug aus den besetzten Gebieten, R\u00e4umung der Siedlungen, die L\u00f6sung der Jerusalem-Frage im Sinne einer Zwei-Staatenl\u00f6sung, eine zumindest prinzipielle, also symbolische Anerkennung des R\u00fcckkehrrechts der Pal\u00e4stinenser. Bei letzterem geht es vor allem um eine symbolische Anerkennung dieses R\u00fcckkehrrechts. Darunter wird es sich von den Pal\u00e4stinensern niemand leisten k\u00f6nnen, einen Frieden mit Israel zu schlie\u00dfen. Ob dies mit Scharon ausgehandelt werden kann, bleibt f\u00fcr mich fraglich. Aber ich lasse mich gern \u00fcberraschen.<\/p>\n<p>F: Kann die Scharon-Regierung die R\u00e4umung der Siedlungen im Gazastreifen innenpolitisch \u00fcberhaupt durchhalten?<\/p>\n<p>Der Gazastreifen ist ein Klacks. Das kann durchgehalten werden, wenn man es will. Ich gehe davon aus, da\u00df auch Scharon dies will. Die gro\u00dfe Frage ist nicht der Gazastreifen, sondern die Westbank. Das ist der neuralgische Punkt. Im Gazastreifen gibt es 6 000 bis 7 000 j\u00fcdische Siedler. In der Westbank sind es 220 000. Wenn es um die R\u00e4umung dieser Siedlungen gehen w\u00fcrde, ginge es ans Eingemachte. Da gibt es niemanden in Israel, der das so ohne weiteres durchf\u00fchren kann. Ich vermute sogar, da\u00df das zu b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnlichen Verh\u00e4ltnissen f\u00fchren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>F: Aber dann ist doch Gaza eher ein Alibi, um gleichzeitig die Siedlungspolitik in der Westbank nicht nur beizubehalten, sondern sogar noch zu verst\u00e4rken?<\/p>\n<p>Wenn \u00bbPeace Now\u00ab jetzt zum Beispiel sagt, da\u00df mit dem Gazastreifen ein Anfang gemacht ist, dann will ich dem nicht widersprechen. Was mit der Westbank wird, m\u00fcssen wir abwarten. Das ist im Moment nicht aktuell. Im Gegenteil: Es passiert genau das, was Sie in ihrer Frage angezeigt haben.<\/p>\n<p>Prinzipiell ist die Frage eine andere: Will man sich auf einen Friedensproze\u00df wirklich einlassen? Solche politischen Prozesse halte ich nicht von vornherein f\u00fcr abgeschlossen. Da gibt es viel Dynamik. Ich glaube, da\u00df Israel vor einer historischen Weggabelung steht, und deshalb hat der unilaterale R\u00fcckzug aus dem Gazastreifen auch politische Bedeutung. Der Weg zum Frieden f\u00fchrt \u00fcber die vier Bedingungen, die ich genannt hatte. Das schlie\u00dft dann nat\u00fcrlich irgendwann das Problem der Westbank ein. Schon jetzt bei der Diskussion um den Gazastreifen gab es in Israel heftige Proteste von rechts au\u00dfen. Auch das zeigt, was hier in Bewegung kommen k\u00f6nnte. Es ist ein schwieriger Weg. Stellen Sie sich vor: Israel beschlie\u00dft einen R\u00fcckzug aus der Westbank. F\u00fcr national-religi\u00f6se Juden ist das eine nahezu endzeitliche Forderung, bei der sie sagen k\u00f6nnten: \u00bbNur \u00fcber unsere Leiche\u00ab. Damit k\u00f6nnte die Frage eines B\u00fcrgerkriegs aufgeworfen sein. Dies wird auch bei Umfragen unter den Siedlern deutlich. Ein Teil w\u00fcrde sich auch mit Gewalt gegen einen Abzug wehren. Tausende Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere unterst\u00fctzten eine Petition, sich dann Befehlen zu verweigern. Die Gefahr ist vielen bewu\u00dft, zumindest ahnen sie diese. Aber was ist, wenn Israel diesen Beschlu\u00df nicht fa\u00dft? Dann gibt es entweder eine Situation der Apartheid oder es bilden sich \u0096 objektiv und l\u00e4ngerfristig \u0096 binationale Strukturen heraus. Aus rein zionistischer Sicht, ist das die Wahl zwischen Pest und Cholera. Das ist der reale Zustand, das ist aber auch die historische Weggabelung, von der ich rede.<\/p>\n<p>Im Jahr 1967 hat man den Apfel in den Mund genommen, war weder in der Lage diesen herunterzuschlucken, noch ihn wieder auszuspucken. Man erstickt an ihm im Moment. Es gibt keinen dritten Weg. Vogel-Strau\u00df-Politik f\u00fchrt nicht weiter. Eher dazu, da\u00df das Land weiter von Terror und permanenter Wirtschaftskrise gebeutelt ist. Die gro\u00dfe Mehrheit w\u00fcnscht sich Frieden. Aber der Frieden hat einen Preis. Die Entscheidung steht an.<\/p>\n<p>F: Unter den vier Bedingungen, die Sie genannt hatten, ist doch auch die Forderung nach einem R\u00fcckkehrrecht ein sehr neuralgischer Punkt.<\/p>\n<p>In der Tat, denn die R\u00fcckkehr w\u00fcrde im w\u00f6rtlichen Sinne ja nicht bedeuten in einen pal\u00e4stinensischen Staat zur\u00fcckzukehren. Die Fl\u00fcchtlinge kommen ja aus dem israelischen Kernland, aus dem sie 1948 vertrieben worden oder gefl\u00fcchtet sind. Im Rahmen einer Zwei-Staatenl\u00f6sung w\u00e4re die Einwanderung in den pal\u00e4stinensischen Staat m\u00f6glich, weil es eben der Nationalstaat der Pal\u00e4stinenser w\u00e4re. Nat\u00fcrlich w\u00e4re das dann auch eine Frage, wie man die Gesellschaft ausbauen kann, die Infrastruktur, die \u00d6konomie und so weiter. Das R\u00fcckkehrrecht nach Israel kann entsprechend begrenzt sein. Darum habe ich von einem symbolischen oder prinzipiellen Recht gesprochen, denn mehr als zum Beispiel 200 000 Menschen wird Israel nicht aufnehmen wollen, denn die israelische Seite will ja den j\u00fcdischen Charakter des Staates wahren. Das ist zumindest der Standpunkt des Zionismus, und der wird von der gro\u00dfen Bev\u00f6lkerungsmehrheit geteilt. Israel ist ein Staat, den die Juden gegr\u00fcndet haben, damit sie einen Nationalstaat haben. Das ist einer der Gr\u00fcnde, warum diese Frage des R\u00fcckkehrrechts ein so neuralgischer Punkt ist. Die Frage des R\u00fcckkehrrechts ist nicht nur eine Frage der Fl\u00fcchtlinge, sondern eine, inwieweit sich Pal\u00e4stinenser und Israelis \u00fcberhaupt auf eine Zwei-Staatenl\u00f6sung einlassen. Haben sie sich auf eine solche eingelassen, ist die Frage des R\u00fcckkehrrechts insofern gel\u00f6st, als da\u00df damit ja auch der Staat Israel als ein vornehmlich j\u00fcdischer Staat anerkannt w\u00e4re, wie auch der der Pal\u00e4stinenser.<\/p>\n<p>Eine ganz andere Frage ist, wie sich dann die gro\u00dfen \u00f6konomischen Probleme gestalten. Ich halte eine Staatsgr\u00fcndung der Pal\u00e4stinenser ohne eine \u00d6ffnung des Arbeitsmarktes in Richtung Israel zum Beispiel f\u00fcr nicht denkbar.<\/p>\n<p>F: Geht es l\u00e4ngerfristig nicht auch um konf\u00f6derative L\u00f6sungen?<\/p>\n<p>Die Probleme im Nahen Osten sind so gelagert \u0096 nehmen sie das Problem der Wasserversorgung \u0096, da\u00df man l\u00e4ngerfristig in konf\u00f6derativen Strukturen denken mu\u00df. Das hei\u00dft, da\u00df Israel, Jordanien, Syrien und Pal\u00e4stina dann pr\u00fcfen m\u00fcssen, wie man gemeinsame Probleme angeht. Das k\u00f6nnen sie auch als eigenst\u00e4ndige Nationalstaaten, die eng kooperieren. Fr\u00fcher oder sp\u00e4ter wird es dann sowieso zu einer Verfl\u00fcssigung solcher Grenzen kommen. Ich glaube, da\u00df die Zukunft der Nationalstaaten begrenzt ist.<\/p>\n<p>F: Zu einer anderen Frage. Das US State Department hat eine Studie herausgegeben, die sich mit der Zunahme des Antisemitismus in Europa besch\u00e4ftigt. Das sei \u0096 so die Studie \u0096 mit dem Zuzug von Muslimen verbunden. Was halten Sie davon?<\/p>\n<p>Auf eine Studie, die vom State Department ausgeht, w\u00fcrde ich mich nie berufen wollen. Das ist von vornherein ideologisch verd\u00e4chtig. Warum besch\u00e4ftigt sich das State Department jetzt mit dem europ\u00e4ischen Antisemitismus und den Muslimen? Das hat doch mit der Politik der USA in der arabischen Welt zu tun, mit dem \u00bbKrieg gegen den Terror\u00ab. Antisemitismus, Antizionismus und Antiamerikanismus sind drei Paar Schuhe. Israel-Kritik kann betrieben werden, ohne da\u00df man antizionistisch ist. Man kann antizionistisch sein, ohne antisemitisch zu sein. Man kann auch antisemitisch sein, Israel und den Zionismus hassen und die Amerikaner ebenfalls. Umgekehrt ist es m\u00f6glich, die Amerikaner zu bewundern und trotzdem antisemitisch zu sein. Das eine h\u00e4ngt mit dem anderem nicht zusammen. Von seinen Urspr\u00fcngen her, ist der Islam nicht antisemitisch. Der Antisemitismus kommt aus dem Abendland. Antisemitismus im Islam ist erst durch den Konflikt Israel-Pal\u00e4stina relevant geworden. Es gibt in der Tat Formen des Antisemitismus, die mit dem Islam zusammenh\u00e4ngen. Etwa nach folgendem Muster: Der Islam reagiert auf den Westen im antikolonialistischem Sinne. Der Westen wird mit Amerika gleichgesetzt. Amerika wird mit dem Kapitalismus gleichgesetzt. Der Kapitalismus wird mit der Zirkulationssph\u00e4re gleichgesetzt. Die Zirkulationssph\u00e4re wird schlie\u00dflich mit dem Juden gleichgesetzt. Die antisemitische Formel entsteht so aus einem Ursprung, der zun\u00e4chst nur etwas mit dem Ressentiment des Islam gegen\u00fcber dem Westen als dem Tr\u00e4ger des Kolonialismus zu tun hat. Das jetzt als Regel f\u00fcr den Islam zu setzen, ist aber eher eine Sache, die die ideologischen Bed\u00fcrfnisse des State Department bedient.<\/p>\n<p>Es gibt in der Tat einen besorgniserregenden Anstieg des Antisemitismus in Europa. Die nach Europa gezogenen Islamisten m\u00f6gen dabei eine Rolle spielen. Ich glaube, da\u00df dieser Anstieg des Antisemitismus aber eher mit ganz anderen Ursachen zu tun hat. Mit sozial\u00f6konomischen Diskrepanzen, mit abgebrochenen Lebenswelten, mit anderen Problemen, die innergesellschaftlich eine Rolle spielen. Ich glaube auch nicht, da\u00df der Antisemitismus heute noch eine gr\u00f6\u00dfere Rolle f\u00fcr die Juden in der Welt spielt. Womit haben wir es tats\u00e4chlich zu tun, wenn wir vom europ\u00e4ischen Antisemitismus reden? Ich glaube, wir haben es mit dem Problem zu tun, da\u00df aus der Verschmelzung von erster, zweiter und dritter Welt in Europa ein zunehmender Fremdenha\u00df entsteht. Mit dem Zuflu\u00df entstehen soziale Spannungen, besonders in den ehemaligen Koloniall\u00e4ndern. Der europ\u00e4ische Rassismus und Faschismus hat eher etwas mit Europa zu tun, als mit dem Zuzug von Islamisten. Warum aber kommen immer mehr Menschen aus der sogenannten dritten Welt in die erste? Das ist ziemlich klar: Weil es nichts zu fressen gibt \u0096 und dann suchen sich die Leute eben einen anderen Ort, wo es was gibt.<\/p>\n<p>http:\/\/gnn-archiv.staticip.de\/archiv\/PB\/2005\/04pb.pdf \/\/ Seite 4-6<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gespr\u00e4ch mit Moshe Zuckermann \u00fcber innergesellschaftliche Spannungen in Israel, Voraussetzungen f\u00fcr eine L\u00f6sung des Konflikts mit den Pal\u00e4stinensern und Antisemitismus in Europa F: Im Dezember hat Israels Ministerpr\u00e4sident Ariel Scharon ein gutes Jahr f\u00fcr sein Land angek\u00fcndigt. Er bezog dies auf den israelisch-pal\u00e4stinensischen Konflikt, aber auch auf den \u00f6konomischen Bereich. 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