10. August 2007

vor dem Streiklokal
Streiks in Hamburg und Nordrhein-Westfalen. Ver.di fordert fünf Prozent, Unternehmer Streichung der Zuschläge für Spät- und Nachtarbeit

In Hamburg befinden sich Beschäftigte des Einzelhandels am heutigen Freitag bereits den achten Tag in Folge im Ausstand. Allein am Donnerstag legten 500 von ihnen die Arbeit nieder. Bestreikt werden rund 30 Rewe- und Penny-Filialen, vier Real-Märkte, die Baumärkte von Toom in Altona, Osdorf und Winterhude, von Praktiker in Rahlstedt sowie fünf Filialen von Max Bahr.

Ver.di fordert fünf Prozent mehr Gehalt, mindestens aber 100 Euro im Monat. Die Unternehmer dagegen haben angekündigt, die bisherigen Spät- und Nachtzuschläge zu streichen. Das wäre für die meist schlecht bezahlten Mitarbeiter ein drastischer Griff ins Portemonnaie: Für Spätarbeit ab 18.30 Uhr gibt es bislang Zuschläge von 20 Prozent.

Bundesweit beschäftigt die Branche 2,6 Millionen Menschen. Doch so wie in Hamburg gibt es bisher in keinem der Tarifbezirke auch nur ein halbwegs akzeptables Verhandlungsangebot der Unternehmer in diesem schon seit April dauernden Tarifkonflikt. Die wissen allerdings um den schwachen Organisationsgrad im Einzelhandel und wollen den Konflikt aussitzen. Doch ob das aufgeht? Nicht nur in Hamburg, auch in Nordrhein-Westfalen will die Gewerkschaft jetzt möglichst viele Unternehmen durch die Aktionen treffen. Ihr Geschäftsbetrieb soll durch gezielte Nadelstiche und eine flexible Streiktaktik empfindlich gestört werden. So befinden sich die rund 80 Beschäftigten des Düsseldorfer Karstadt-Kaufhauses an der Schadowstraße seit Dienstag im unbefristeten Arbeitskampf.

Etliche Warnstreiks sowie weitere Aktionen gab es in den letzten Wochen auch schon in Bayern, Baden-Württemberg, Berlin und Brandenburg sowie – eher vereinzelt – auch in Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern. Damit nun auch zu längeren Schwerpunktstreiks übergegangen werden kann, laufen in etlichen Tarifbezirken Mitgliederbefragungen und Urabstimmungen. Dies dürfte sich noch einige Wochen hinziehen. In Baden-Württtemberg etwa sollen sie Mitte September abgeschlossen sein. Dann aber könne man mit einer Streiklawine rechnen, erklärte der baden-württembergische ver.di-Vizechef Werner Wild Anfang der Woche.

Wie aufgeheizt die Stimmung unter den Beschäftigten ist, zeigt eine erste Abstimmung im dortigen Rhein-Neckar-Kreis. Dort hatten sich am vergangenen Freitag 98 Prozent der Gewerkschafter bei Rewe Logistik Wiesloch für ganztägige Streikaktionen ausgesprochen. Das aber hat Brisanz, denn von Wiesloch aus erfolgt die Warenbelieferung für rund 500 Rewe- und Penny-Filialen in Hessen, in Baden-Württemberg, im Saarland und in Rheinland-Pfalz.

Solidarität der St. Pauli FansAuf die zunehmende »Eigendynamik« dieses Arbeitskampfes wies der für Hamburg zuständige ver.di-Verhandlungsführer Ulrich Meinecke am Mittwoch in einer Erklärung hin. Er hatte dabei vor allem eine Aktion von rund 420 Beschäftigte der bestreikten Penny-Filialen am selben Tag im Blick. Als diese sich am Mittwoch auf den Weg zu ihrer regionalen Unternehmenszentrale in Norderstedt machten, erlebten sie ein böse Überraschung. Sie waren gekommen, um mit dem Management Lösungen im Tarifkonflikt zu diskutieren, doch die Führungskräfte hatten sich hinter verschlossenen Türen eingeigelt, die Tore verrammelt und den Wachschutz verstärkt. Wer seine Beschäftigten so behandele, müsse sich nicht wundern, wenn der Zorn der Mitarbeiter immer größer werde, konstatierte Meinecke.

Verwendung: Junge Welt vom 10. August 2007
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