Schwere Vorwürfe gegen Hamburgs Senatorin Schnieber-Jastram. Beschäftigte von Sozialdienst überlastet

Die Mitarbeiter der Allgemeinen Sozialen Dienste (ASD) in Hamburg wollten anonym bleiben, um ihre Arbeitsplätze nicht zu gefährden. Vor Pressevertretern erhoben sie am Donnerstag schwere Vorwürfe gegen Sozialsenatorin Birgit Schnieber-Jastram (CDU). Sie gaben an, daß es in der Hansestadt jedes Jahr etwa 700 Fälle extremer Kinderverwahrlosung gebe. Doch anstatt sich mit Hausbesuchen und präventiven Hilfsangeboten um betroffene Familien kümmern zu können, sei der Alltag der ASD-Mitarbeiter häufig durch Verwaltungshandeln bestimmt, bei dem nicht mal die Zeit bleibe, schriftliche Berichte ordentlich abzufassen. Das Hauptproblem: Es fehlt an Personal.

Damit entkräfteten sie eine Aussage von Schnieber-Jastram, die vergangenen Woche behauptet hatte, der ASD sei heute besser ausgestattet als je zuvor. Daß die Sozialsenatorin hier wissentlich die Unwahrheit gesagt hat, geht aus einem internen Abschlußbericht einer Arbeitsgruppe von Bezirken, Sozial- und Finanzbehörde vom April dieses Jahres hervor, den ver.di nun veröffentlichte. Darin heißt es: Eine nicht erwünschte, aber unvermeidbare Folge des Personalmangels seien »nicht präventiv und oft spät einsetzende Hilfen und ein letztlich teurer werdendes Hilfesystem«. In dem Bericht schlugen die Experten verschiedene Maßnahmen zur Verbesserung der Situation im ASD vor.

Seit den 90er Jahren, so ver.di-Sekretärin Sieglinde Friess, werde der Personalbestand in den 26 Hamburger ASD-Dienststellen systematisch ausgedünnt. Gleichzeitig führe die zunehmende Armut dazu, daß die Fallzahlen stetig stiegen. Die eigentliche Arbeit käme so nicht mehr zum Tragen, Hausbesuche könnten kaum noch durchgeführt werden, klagte denn auch ein ASD-Mitarbeiter, der sich allein um 120 Familien kümmern muß. Hinzu käme eine gigantische Bürokratie, ergänzte eine Kollegin, die auf immerhin 80 Fälle kommt. Für eine einzige Familie müsse sie bis zu fünf verschiedene Akten führen, für die Bewilligung einer Maßnahme der Hilfe zur Erziehung eine fünfseitige Problemanalyse liefern. Was die Sozialsenatorin mit dem ASD mache, sei mit Worten kaum noch zu beschreiben, schimpfte ein weiterer Mitarbeiter. Es sei ein Skandal, wenn Millionenbeträge aus dem Etat der Jugendhilfe für die sogenannte geschlossene Unterbringung in der Feuerbergstraße (GUF) verwendet würden. Strenge und Wegsperren seien keine Mittel gegen Elend und Armut.

Tatsächlich gibt es für den ASD weder eine Personalbemessung noch konkrete Aufgabenbeschreibungen für die Mitarbeiter. Erste Schätzungen zur Personalbemessung, so ergänzte Personalrat Thomas Auth-Wittke auf Anfrage von junge Welt am Freitag, hätten ergeben, daß eine reale Belastung der 244 ASD-Mitarbeiter von 140 Prozent existiere. Die mit der Personalnot verbundene Angst in Extremsituationen zu versagen, dafür auch strafrechtlich belangt zu werden, führe zudem zu hohen Krankheitsraten. Weniger dringende Fälle würden deshalb in Wartelisten aufgenommen, während Hilfesuchende vertröstet werden.

http://www.jungewelt.de/2005/11-19/014.php